Evolution 2.0

Prolog

Die Kugel schwebte wie ein monströses Auge unbeweglich über der Oberfläche des Planeten. Sie war älter als das Gestein, das sich mit jeder Eiszeit und dem unmerklichen Wandern der Kontinente immer näher an sie heranschob. Vor Urzeiten wurde sie in dieses Sonnensystem geschickt – ähnlich wie später Konquistadoren ihre Schiffe aussandten, um ferne Kontinente zu erkunden, Fahnen in den Boden zu schlagen und ihre Lehren zu verkünden. Diese Sonde war die erste Fahne auf der Erde, die einen Anspruch erhob – und vielleicht auch die letzte ihrer Art.
Seit Jahrmillionen lagerten in ihrem Inneren Baupläne und Muster, wartend auf einen Impuls von außen, auf einen kritischen Punkt … auf den Hilfeschrei des Planeten Erde.
Während die Berge emporwuchsen, das Schmelzwasser der Gletscher sie aushöhlte und aus den Meeren erstes Leben an Land kroch, schlummerte in allem ihre schwarze Materie – die unsichtbare Energie dieser Kugel –, bereit, ihre wahre Bestimmung zu erfüllen.
Ein monotoner Sprechgesang begleitet die Gruppe fellbehangener Gestalten, die sich der aufragenden Steinwand nähern. Zwischen Vegetation und knorrigen Bäumen wird der Eingang zur Höhle sichtbar: rußige Schatten verdunkeln die schartige Wunde des Bergs.
Die wulstige Stirn des Menschenaffen schimmert im Licht der Lagerfeuer. Rauch vermischt sich mit dem Gestank von verwesendem Fleisch und den Ausdünstungen der fliegenden Hunde, die hoch oben an der Decke hängen.
Das Tier, der zukünftige Mensch, richtet sich auf und hebt witternd die wulstige Nase. Er wirft den angenagten Knochen mit einem tiefen Grunzen in das Dunkel der Höhle, als wolle er die bösen Geister vertreiben.
Feuer ist gut. Feuer bringt Wärme und Licht.
Ein Ruf gellt durch die Höhle; ein junger Wolf springt auf, trottet mit gesenktem Kopf zu seinem Herrn. Sie machen sich auf den Weg – es ist an der Zeit, die Mutter zu besuchen. Und ihre Toten.
Die Fackel wirft zuckende Schatten, vertreibt die Dunkelheit und die lauernden Geister. Immer tiefer dringen sie in die Höhle vor, bis sie ihr Ziel erreichen. Zwei Steinwürfe entfernt ragt die Mutter empor, ihre Konturen verlieren sich in der Ferne. Das Wasser ist wieder gestiegen – dumpf dringt diese Erkenntnis in seinen instinktgetriebenen Verstand.
Dieser Verstand erfasst noch nicht den Widerspruch, den seine Augen wahrnehmen: Das schwarze Wasser umgibt die riesige Kugel nicht, sondern fällt abrupt in eine endlose Tiefe. Er entfacht Äste aus Kiefernholz, die wie bleiche Knochen dort gestapelt wurden. Das Knurren seines Wolfs, der ihm und dem Licht der Fackel bis in diesen abgelegenen Winkel der Erde gefolgt ist, vermischt sich mit seinem archaischen Sprechgesang. Doch die wahre Macht dieser Höhle ist längst entfacht – Millionen Jahre vor den ersten Gesängen oder dem Knurren eines Wolfs. Wie unsichtbare Tentakel erheben sich Stränge schwarzer Materie aus dem See, durchfließen das Feuer und vergehen, nur um an anderer Stelle neu zu wachsen.

Eon

Offener Strafvollzug. Da war es. Er hatte es endlich gefunden.
Eon rieb sich mit den Handballen über die Augen, als könnte er so seine Verwirrung vertreiben.
Er las weiter: Unbekannte Wörter folgten – alle schienen sie ihn verhöhnen zu wollen. Freiheiten, Arbeitsprogramme, Resozialisierung; es nahm kein Ende und er wischte die gläserne Fläche vor sich in den Tisch zurück. Der Bildschirm zog sich lautlos ein.
Sein Wohnmodul verwandelte sich wieder in eine dunkele Höhle und erinnerte ihn an das, was er tun wollte … bevor er gelernt hatte.
»Licht.«
Die Wölbung der Zimmerdecke begann zu schimmern. Der Datenträger seines Vaters lag wie ein kleiner Eindringling auf der Schnittstelle des Tischs. Ein neuer Gedanke regte sich in ihm: Offener Strafvollzug – suggerierte das nicht, dass es ein Draußen gab, in dem man frei war?
Erst allmählich war ihm klar geworden: Mit seinem draußen stimmte etwas nicht. Sein Studium war eine Farce; dafür verließ er nicht einmal den Wohnturm. Sein Blick fiel auf das blinde Fenster. Morgen früh, exakt um sieben Uhr, würde dort seine ganz persönliche Aussicht erscheinen. Seine geometrische Vorstellungskraft war ausgezeichnet – er machte sich nichts vor: Sein Wohnmodul lag tief verborgen in dem riesigen Kegel des Wohnturms.
»Projektor 1!«
Aus der gläsernen Linse des Tischs erhob sich ein leuchtender Schleier aus Laserstrahlen und breitete sich zu einem Bild aus. Übergangslos überlagerte sich das Foto: Es zeigte nun einen Schädel, der ihn aus leeren Augenhöhlen anzustarren schien.
Eon ließ sich in den Suspensorstuhl sinken, der sanft in die Mitte des Raums glitt und sich in eine bequemere Position neigte. Während er nachdenklich auf die Fotos starrte, die er vor Wochen aufgenommen hatte, wurde ihm bewusst, wie unwirklich seine Reise von zwanzigtausend Kilometer gewesen war – ein Verstoß gegen sämtliche Regeln.
Die Bilder zeigten uralte Wandmalereien, mit Oxid und Kohle aufgetragen vor über dreißigtausend Jahren. Auch diese Information hatte der Datenträger seines Vaters bereitwillig preisgegeben.
Die Informationsspeicher der Universität waren dagegen einsilbig; jeder zweite Absatz betonte nur die Bedeutung der großen Regulation, die über die Menschheit hereingebrochen war.
Eon rekelte sich und der Suspensorstuhl folgte automatisch seinen Bewegungen. Er schloss die Augen und sah noch immer die Bilder vor sich: kunstvoll gezeichnete Tiere und Bäume in blassen Farben, staubbedeckte Skelette mit wulstigen Schädeln, deren Knochen sich zu bewegen schienen – und ein unterirdischer See, dessen unbewegte Oberfläche kaum vom umgebenden Gestein zu unterscheiden war.

Die begrenzte Rechenkapazität seines Wohnmoduls war überfordert. Seit Stunden errechnete sie aus den hinterlegten Bildinformationen neue Ebenen und fügte weitere Details hinzu. Kamera und Software stammten beide von seinem Vater – wie dieser an solche Ausrüstung gelangen konnte, war Eon ein Rätsel.
Die Höhlenbilder wurden ganz allmählich von komplexen Linien und geometrischen Formen überlagert. Eon schaute ratlos auf die Abbildungen. Er sollte längst schlafen. Seine Augen spielten ihm einen Streich.
Er trank kaltes Wasser und zog sich um, tauschte seinen grauen Overall gegen graue Schlafkleidung. Er wollte nicht schlafen. Es interessierte sowieso niemandem, wenn er morgen während der Vorlesung schlief. Gähnend überprüfte er die Software, suchte nach dem Fehler in dem, was er dort sah. Es gab keinen Fehler. Sein Verstand rieb sich an diesem Widerspruch. Er hielt ihn bis tief in die Nacht wach. Zwei Tage später stand er vor seinem Vater und zeigte ihm einige der Aufnahmen. Dessen Blick zeigte Erleichterung und er schrieb ihm einen Namen und eine digitale Adresse auf den Arm. Als hätte er nur darauf gewartet, diesen Namen loszuwerden.
Inada Yumino – daneben schrieb er Zeichen in der alten Sprache gemalt: 影武者.

Das merkwürdige Haus seines Vaters bedeutete für Eon Freiheit – ein draußen, dass im Kontrast zu seinem engen Wohnturm stand. Die erste Begegnung mit seinem Vater hatte seine Welt wie eine Zelle geteilt. Ihre unsichtbare Hülle war aufgeplatzt und Unbekanntes wuchs neben ihr heran und bedrängte seine Wahrnehmung mit Rätseln.

Dieser Inada Yumino war ein Geist, der nur langsam Gestalt annahm. Doch was war falsch an diesem Geist? Die Kontaktadresse war seltsam und es musste vor vielen Jahren etwas passiert sein. Die digitalen Bruchstücke seiner Existenz waren fast vollständig ausgelöscht. Ein Wunder eigentlich, wenn dieser Mensch überhaupt noch lebte. Was schreibt man einem Fremden?

Eon atmete tief durch und schickte die E–Mail an Inada Yumino ab. Er stand auf und zwängte sich zwischen Sitzgelegenheit und Compiler zum Waschbecken.
Der feuchte Luftstrom tat ihm gut; prompt meldete sich sein Magen. Wenn der Compiler wieder einen sojagespickten Brei ausspuckte … dann wäre der Tag für ihn gelaufen. Die wenigen Minuten, bis sich sein Teller und die kleine Flasche Fruchtwasser aus dem Compiler schoben, betrachtete Eon sich im Spiegel: Er grinste seinem Spiegelbild entgegen sich an und suchte seine Schläfen nach ersten grauen Haaren ab. Wo hatte er bloß gelesen, dass manche japanische Männer selbst im Alter keine grauen Haare bekamen? Das diffuse Licht warf einen Schimmer auf sein dunkles Haar und sein drahtiger Körper wirkte seltsam deplatziert in der geometrischen Strenge des kleinen Raums.
»Kapier ich nicht«, murmelte er seinem Spiegelbild zu – es wirkte wie ein nachträglich koloriertes Schwarz-Weiß-Foto, bei dem der Künstler nur die Augen in Azur färbte.
»Alte Menschen? Kennst du welche … ich mein, außer ihm?«
Die Lamelle des Compilers öffnete sich und schob das Essen neben sein Terminal.
»Drück die Daumen, Freund«, sagte Eon leise zu sich selbst.
Das Display auf der Tellerabdeckung zeigte eine Erinnerung an den Kleiderwechsel an. Unter der Abdeckung lauerte das übliche kulinarische Desaster undefinierbarer Kalorien.
»Wünschen wir neue Klamotten?«, rief er halb scherzhaft Richtung Spiegel und zwängte sich aus seinem einzigen Overall. Sein Vater hatte einen Schrank voller genähter Kleidung – nichts davon stamme aus einem Compiler. Vielleicht besaß sein Haus nicht einmal solch eine Ausgabestation.
Er würde sie waschen … besser man fragte nicht genauer nach. Und das war noch das Harmloseste von all dem Merkwürdigen dort; sein Vater schien aus einer anderen Welt zu stammen. In Eon wuchs der Wunsch heran, diese Welt zu verstehen oder wenigstens beide Welten miteinander zu verbinden – endlich begreifen zu können, was daran ungewöhnlich war, überhaupt einen Vater zu haben.
Er erinnerte sich daran, wie dankbar und überrascht er gewesen war, als sein Vater zum ersten Mal vom CCC erzählte: Nüchtern schilderte er den Verlauf von Eons Kindheit – eine Geschichte, die kaum anders sein konnte als die der wenigen anderen Dreiundzwanzigjährigen dieser Zeit. Er berichtete, wie er dort entbunden wurde – vom Mutterleib und nur wenige Wochen später von seiner Familie. Der Children-Care-Center-Wohnturm war seine neue Familie geworden. Fortan lebte er unter tausenden anderen Kindern allein weiter – begleitet von emotionslosen Androiden-Müttern –, bis er sein eigenes Wohnmodul bekam.
Auf dem Weg dorthin entglitt ihm bereits die Erinnerung an den riesigen Schlafsaal, den monotonen Tagesablauf und die Terminals, mit denen sein wissbegieriger, kindlicher Verstand mit den nötigsten Informationen gefüttert wurde – damit keine Zweifel an der Richtigkeit von allem aufkamen. Eon waren ihm klar geworden: Erstens gehörte er zu den letzten Babys seit jener Zeit – gezeugt von einem Liebespaar, das sich nur Monate später nicht mehr erkannte. Und zweitens – auf einer viel höheren Ebene – war dieses große Vergessen wie eine Seuche über die Menschheit gekommen. Eine Voraussetzung für den Erfolg der Regulation: Die Erde wurde seither vor den Menschen geschützt.
Diese Erkenntnisse hinterließen erste Risse in seinem Weltbild, über dem in strahlenden Buchstaben der Name Regulation schwebte. Das zu akzeptieren, war Eon sehr schwergefallen. Warum sein Vater sich an all das erinnern konnte und warum Eon den Weg zu ihm zurückgefunden hatte, blieb beiden ein Rätsel.

Ein leuchtender Schriftzug erschien über Eons Tisch und informierte ihn über eine Nachricht von Kael.
Kaels Mail kam mit dem Betreff naniדּ shiteru no – er übte offensichtlich immer noch Japanisch, obwohl er am anderen Ende der Welt lebte.
Sie hatten sich einst als Gasthörer bei einem Vortrag kennengelernt; über technische Sicherheitsaspekte beim Klettern in großer Höhe oder auch in Höhlen – sonst hätte er das bestimmt nicht gewählt. Das Ganze war einschläfernd trocken. Eon war sich nicht einmal sicher gewesen, ob die vortragenden Köpfe auf seinem Bildschirm echt waren. Es war, als würde eine Stimme aus einem Buch vorlesen. Doch von Zeit zu Zeit wurden Bilder oder kurze Videos eingeblendet und auch der Ton wurde lauter. Es wirkte jedes Mal wie ein Wecksignal.
Dabei war es passiert: das mit diesem Franzosen. Eine kurze Aufnahme flackerte über den Bildschirm. Eon wusste sofort, dass es eine Helmkamera gewesen war. Jemand kroch durch einen engen Gang; das Bild wackelte, und der dünne Strahl einer Lampe warf harte Schatten oder tauchte die engen Wände in grelles Licht.
Die letzte Einstellung war anders: Das Bild gefror und zeigte sekundenlang eine seltsame Szene. Die bedrohliche Enge weitete sich zu einem Raum ohne Boden und Decke. Der Helmstrahler bildete nun einen hellen Kreis, der in unbestimmbarer Entfernung eine kunstvolle Malerei aus dem Dunkel zauberte.
Im selben Augenblick war damals ein nüchterner Ton erklungen, und auf dem Bildschirm blinkte ein kleines Textfeld: WORTMELDUNG. Das Gesicht des Dozenten zeigte zum ersten Mal eine Regung; Verwirrung breitete sich darüber aus. Er beugte sich vor und sprach unhörbar mit jemandem in diesem weißen Nichts, das ihn umgab. Wieder dieses Vorbeugen – und ein anderer Kopf erschien auf dem Bildschirm, diesmal unverkennbar echt. Jemand hatte sich zu Wort gemeldet, die Sprechtaste benutzt? Der erste Satz war kaum verständlich gewesen, als wären die Worte mühsam aneinandergeschraubt.
Das Gesicht sprach über einen alten Mann, von einem Berg – ähnlich sinnloses Zeug. Wirklich verrückt. Niemand meldete sich bei solchen Vorlesungen zu Wort. Der Vortrag ging weiter – und der Franzose meldete sich wieder. Eon war allmählich aus seinem gelangweilten Halbschlaf aufgewacht. Es war nicht schwer gewesen, an den Namen des Gesichts zu kommen. Und irgendwann hatte er eine Adresse.

Im Frühjahr des nächsten Jahres reiste Eon nach Frankreich – Korea, China, Türkei, sein Vater hatte die Transporte klar gemacht, ohne eine einzige Frage zu stellen. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Als wäre er der Gott in seiner eigenen kleinen Welt.
Die Höhle war beeindruckend gewesen, doch erst ein Jahr später entdeckte Kael dort die Grotte.
Eon war ein weiteres Mal um die Welt gereist, ohne über CO₂ oder sein Studium nachzudenken. Kael lag zu dieser Zeit in einem medizinischen Zentrum, hatte es mit der Sicherheit beim Klettern nicht allzu ernst genommen.

Kaels aktuelle Nachricht erschien auf dem Terminal:

Von:j.ch@aol.fr
An: 689@docomo.jp

Betreff:nani shiteru no
Hi Eon,
du hast endlich geschrieben. Wie geht es voran mit dem Studium? Du hast Sehnsucht nach der Höhle, geht klar, ich bin dabei. Sobald das Vid-System wieder funktioniert, machen wir ’nen Chat drüber, okay?
Noch was, ich hab’ eine Überraschung für dich.
dja mata–ne Kael

Ungewissheit war ein neues Gefühl für Eon. Sie erschien ihm – in seinem Tagesablauf– wie das pure Chaos, die losen Enden unzähliger Möglichkeiten. Die Antwort von diesem Fremden ließ auf sich warten. Eon kämpfte gegen die Zeit. Er lag nachts wach auf seinem Schlafplatz, tastete sich durch den dunkelen Raum oder spielte mit dem Bedienfeld des Compilers herum, bis dieser sich abschaltete. Manchmal sortierte er seine Steinsammlung oder lief ziellos durch die Gänge seiner Ebene, ohne sich zu verirren. Wie fanden die anderen Bewohner ihre Module? Es gab nirgends einen Namen, alles sah gleich grau aus. Es war angenehm und enttäuschend zugleich, dass die Aufzüge immer ohne Halt bis zu seiner Ebene fuhren. Doch warum begegnete er nie jemanden auf diesen Gängen? Solche Gedanken beunruhigten ihn zunehmend; schuld daran waren allein die Gespräche mit seinem Vater.

Er stand wieder vor seiner Tür – seine Tür? Was hinderte ihn eigentlich daran, wie ein Irrer schreiend, gegen all die anderen Türen zu trommeln? An unzähligen Eingängen von Wohnmodulen, von denen er nicht einmal wusste, ob sie bewohnt waren.

Der Zugang zu seinem Wohnmodul öffnete sich mit einem pfeifenden Geräusch und er zog seine Hand zurück. Der feuchte Abdruck seiner Lebenslinien verblasste auf der schwarzen Glasfläche des Scanners.
Der Raum registrierte seine Anwesenheit und begrüßte ihn mit einer sonoren Stimme. Über dem Tisch drehte sich langsam ein Name. Professor Inada Yumino hatte geantwortet.

Inada Yumino

Inada Yumino lag wie ein aufgebahrter Leichnam auf dem Sofa und starrte zur Decke, wo ein müder Ventilator geflochtene Bambuslamellen durch den Rauch seiner Zigarette schob. Seine Augen bewegten sich unmerklich im Kreis – ein Spiegelbild seiner Gedanken. Den Vormittag hatte er damit verbracht, die monatlichen Zwischenprüfungen seiner Studenten zu sichten und von der KI überprüfen zu lassen. Auf dem breiten Arbeitstisch füllte sich ein Bildschirm mit den Ergebnissen: Alle hatten die Tests mit Höchstnote bestanden. Die prozentualen Genauigkeiten, mit denen seine Vorlesungen wortwörtlich wiederholt wurden, lagen deutlich über neunzig Prozent. Die Ergebnisse leuchteten in sattem Grün – das Grün von frischem Gras, das ihn wohl beruhigen sollte. Er unterdrückte den Impuls, sich die Ergebnisse der anderen Studiengänge anzeigen zu lassen. Auch dort würde er keine roten Einträge finden. Er war hier der Idiot, der es nicht kapierte – oder nicht kapieren wollte. Deprimierend, dachte er und fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sein bisheriges Leben erneut aufzugeben. Um das festzustellen, hatte er Osaka verlassen, seinen unbändigen Bart gestutzt und seine Hobbys vernachlässigt – ein schlechter Tausch gegen eine Stelle als Lehrprofessor an der Bunkyö. Aber was konnte er erwarten? Auf der Flucht vor Einsamkeit war er nur auf die nächste Bühne geraten, vor der es keine Zuschauer gab.

»Zeit, sich spannenderen Dingen zuzuwenden«, sagte er ein wenig zu laut und fügte sofort hinzu:
»Medien abschalten!«
Das Unterhaltungsmodul beendete seine Suche nach Filmen mit diesem Prädikat.
»Maileingang 2310 prio2«
Das Kommunikationsmodul interpretierte diese Phrase korrekt und begann mit dem Vorlesen der Nachrichten. Prio2 – ein Kanal, der nicht zur Standardkonfiguration eines normalen Wohnmoduls gehörte. Dort fanden sich – wenn überhaupt – Nachrichten mit einem besonderem Stellenwert für ihn ein. Seine Regel: Wenn es ihn interessierte, würde er den Text der Mail aufmerksam selbst lesen.
Der Stimmensimulator versuchte seine Laune zu bessern und wagte sich an eine Imitation von Mike Marlows für die heutigen Nachrichten. Um sieben Uhr morgens hatte das Sicherheitssystem seines Labors in Osaka eine Statusmeldung gesendet und darin keine besonderen Vorkommnisse gemeldet. Mike Marlows markante Stimme war beim Betreff der nächsten Mail angekommen, als er bereits von Inada unterbrochen wurde.
»Stop!«
Er stand vom Sofa auf und aktivierte den Flachbildschirm, der sich wie ein erwachter Vampir aus seiner Versenkung des Schreibtischs erhob. Während er einige Bücher vom Boden aufsammelte, die dabei vom Tisch gerutscht waren, erschien auf dem Monitor die Nachricht:

Anordo.it@prio2.jp
Von:689@docomo.jp
Betreff:Kagemusa

Hey Inada Yumino,

ich weiß nicht, ob du das liest. Ich hab was gefunden, etwas Seltsames. Sieh es dir an. Will noch nicht drüber reden. Bin mir auch nicht sicher, ob du überhaupt noch lebst. Falls doch, melde dich. Dann sag ich mehr.
Warum hast du zwei Namen?
Ich warte auf deine Antwort
Kagemusa

Es folgte ein Post Skriptum, in dem der unbekannte Verfasser sich nicht mehr an seine Geheimnistuerei gebunden fühlte.
Er schüttelte den Kopf, lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen. Das musste er erst einmal verdauen.
»Was hältst du davon? Da bekommen wir endlich mal eine Nachricht, und dann sowas …«, rief er in den Raum hinein.
Ohne auf Antwort zu warten, fuhr er fort:
»Kann nicht mal Namen richtig schreiben, soll er es doch gleich lassen, meinst du nicht auch?« Er ging durch den Raum zu einer Vitrine und entnahm eine altmodische Filmhülle.
»Kagemusa … Kagemusa. Ich glaub es nicht!«
Bei seinen Filmhelden verstand er keinen Spaß – schon gar nicht nicht bei Akira Kurosawa. Vorsichtig legte er die Hülle zurück und strich mit den Fingerspitzen über das Cover: ein grimmiger Samurai und der Schriftzug KAGEMUSHA. Der Schattenkrieger, das war einmal Allgemeinbildung gewesen, damals … vor den Unruhen und dem Bau der Türme.

Jetzt war er selbst dieser Kagemusha geworden – der Einsame, der ein doppeltes Spiel trieb.

Das Surren des Compilers riss ihn aus seinen Gedanken; doch der Appetit war ihm gründlich vergangen.
»Was machen wir bloß, wenn das Ding mal irgendwann leer bleibt? Baumrinde fressen?« tönte Inadas Stimme durch den Raum und verlor sich im weichen Teppich.
»Wenn du nicht bald das Maul aufmachst, bist der erste, der gegrillt wird, mein lieber Ping!« Über dem Fenster sprang lautlos die Uhr um eine Minute weiter.
Er zwang sich, weiterzulesen … wirres Zeug über eine Höhle, dass ihn an die Nachwehen einer intellektuellen Totgeburt erinnerten.
»Löschen!«
Einen Wimpernschlag bevor die Mail in den prio2 Papierkorb landete, bemerkte er einen Anhang. Ja sicher, … es gibt einen Anhang.
»Fallen wir darauf rein, Ping?«
Er ging zum Compiler und entnahm ein Essen, das vermutlich mit den Nährwerten perfekt auf seine Konstitution abgestimmt war. Der Tee war gut – so wie er ihn zubereiten würde – und er füllte ihn in eine richtige Tasse. Darauf verkündete eine grimmige Katze ihren Hass auf alle Menschen.
Sein Suspensorstuhl neigte sich ihm entgegen; während er frittierten Fisch und Gemüse mit bloßen Fingern aß, fiel sein Blick wieder auf die Vitrine mit seiner Filmsammlung.
»Was zum Teufel …«, entfuhr es ihm zwischen seinen kauenden Zähnen.
Kagemusha – vielleicht nur ein Zufall? Falls nicht, rauschte gerade eine andere Zukunft an ihm vorbei wie ein Shinkansen-Schnellzug. Ihm fielen all die Bezeichnungen für dieses Wunderwerk ein: Hoffnung, Licht … Plötzlich erschien wieder die grelle Sonne der Satanswüste vor seinem inneren Auge; wie in einer Kettenreaktion brach erneut das Gefühl durch, dass seinem Leben Hoffnung fehlte. Er war ein Abenteurer gewesen, ein Wanderer auf der Suche nach Unbekanntem, und hatte alles verloren.

Kausalität ist ein komplizierter Begriff für etwas so Einfaches: – Die Millisekunde einer Entscheidung, die ein Leben verändern kann.
Alles floss in diesem Moment zusammen … das farblose Glimmen der Uhrziffern als verdrehter Countdown über dem Fenster; die Projektion darauf: die Einflugschneise der Transportflugzeuge aus Yokohama, ein Band aus winzigen Leuchtpunkten, die in Wirklichkeit Riesen waren; der Lichtschein des Bildschirms, auf dem der Name eines längst toten Helden abgebildet war …

Professor Yumino stand auf und öffnete den prio2 Papierkorb; verschob die einzige Mail zurück in den Posteingang. Er scannte die angehängte Bilddatei und übertrug sie in ein sicheres Verzeichnis, dass sich wie eine unsichtbare Falltür öffnete und schloss.
Jetzt konnte er die Datei öffnen, ohne böse Überraschungen zu erleben. Auf dem Bildschirm erschien ein Foto, das sich seinem angehäuften Wissen entzog und er legte es ohne Zögern auf die dreidimensionale Projektion. Sein Kinn wanderte von links nach rechts; als wolle er einen lästigen Gedanken abschütteln. Er zelebrierte seinen Tick, kniff die Augen zusammen und überlegte. War alles nur ein Produkt einer bildgenerierenden KI? War er genarrt worden?

Das Foto zeigte ein Gewirr aus Linien und geometrischen Mustern; aufgenommen mit einem Weitwinkelobjektiv aus etwa 5 bis 7 Metern Entfernung. Einzelne Flächen waren mit einer blassen Farbschicht überlagert, meist rundere Formen, die ihn an zweidimensionale Tierdarstellungen erinnerten. Von einer guten Kamera, hochauflösend wie das Auge eines jagenden Adlers, nicht dieser Mist, der aus der Versorgung kommt.
Er öffnete ein Werkzeug, um die Metadaten und das digitale Wasserzeichen des Fotos zu prüfen … die Geodaten und das Aufnahmedatum waren verändert worden. Das Wasserzeichen bestätigte seine Vermutungen nur teilweise. Das Bild war nicht KI generiert, aber mittels einer Software nachbearbeitet worden.
Kameratyp und Seriennummer erschienen ihm suspekt. Er ließ nach dieser Kamera suchen und als das erste Bild auftauchte, erinnerte er sich. Es fand sich ein Artikel darüber, ein Forschungsauftrag des japanischen Instituts für eine Spektralkamera wurde angekündigt – sperrig wie ein Baseball, autonome Energiebereitstellung und mit Funktionen, die eindeutig nicht auf den Privatgebrauch abzielten. Das erklärte die Seriennummer … aber nicht deren Weg in Eons Hände.
Kopfschüttelnd stand Inada auf und fuhr sich mit beiden Händen durchs graue Haar.
Die Uhr sprang weiter.
»Wollen wir mal wieder für ein bisschen Abwechslung sorgen«, sagte er und schaute in den großen Käfig, der neben dem Compiler stand.
Ping knabberte ungerührt an Salatblättern und beachtet ihn nicht.
»Hah! Du hast geblinzelt, ich hab’s gesehen«, rief er.
Der Kopf der Schildkröte zog sich langsam in den Panzer zurück.
»Sehr gesprächig bist du heute wieder«, murmelte Inada.

»Shutdown«
»BESTÄTIGE SHUTDOWN« ertönte die Stimme des Sicherheitsmoduls.
»Shutdown!«
Sämtliche Komponenten seiner Wohnung verfielen in digitalen Tiefschlaf; der antike Flachbildschirm senkte sich wieder in sein Grab. Alles zog sich zurück auf eine tiefere Bewusstseinsebene, ausreichend, um die Grundfunktionen des Wohnmoduls aufrecht zu erhalten. Der Datenstrom reduzierte sich auf den reinen Austausch von Statusmeldungen.

Ein ganzer Raum voller Andenken war in zweifacher Hinsicht ein Luxus: Niemand sonst besaß Erinnerungsstücke oder hatte Platz dafür. Inada war gesegnet mit Sammelleidenschaft und einem Wohnmodul, dass keinem Standard entsprach. Gefüllt mit Zeugnissen einer vergangene Welt. Es war leicht gewesen, diese Gegenstände vor der Vernichtung zu bewahren. Das Bedürfnis, diese Welt zurückzuwollen, unterschied ihn von allen anderen. Fluch oder Segen, er war so oder so ein aussterbendes Exemplar der Gattung Mensch.
Die Hände strichen achtlos seinen aus echter Baumwolle gewebten Hausanzug glatt und mit seinem immer noch forschen Gang betrat er den Museumsraum. Dort war seine alte Zeit aufbewahrt. Abgegriffene Bücher lehnten gegen antike Computer, als wollten sie deren Informationen aussaugen. Ein schwarzer Kendo-Helm, achtlos über einen Baseball gestülpt, verstaubte neben goldenen Exponaten aus allen Epochen. Dazwischen kauerte wie ein Buddha ein klobiges Bakelit Telefon mit nummerierten Löchern in seiner verstaubten Drehscheibe. Er hob den Hörer ab, wählte eine zwölfstellige Nummer und legte ihn zurück auf die Gabel. Mit metallischem Knacken glitt die Drehscheibe aus dem Telefon. Ein Gefühl der Vorfreude stieg in ihm auf, er hatte lange nicht mehr mit ihr gesprochen. War es erlaubt, sich darauf zu freuen?
In Augenhöhe befand sich zwischen den Regalen und Kistenstapeln die Abdeckung mit dem Zugang zur digitalen Schnittstelle seines Wohnmoduls. Es bedurfte den motorischen Fähigkeiten eines Wartungs-Bots, um die vier Schrauben zu lösen und den Glasfaseranschluss zum Hauptschacht freizulegen.
Kein Problem …
Mit den Fingern tastete Inada an einem gelben Kabel entlang und unterbrach die Verbindung zum Wohnmodul. Anschließend überbrückte er den Anschluss mit der Drehscheibe des Telefons: Drei Sekunden – solange dauerte es, bis das autonome Sicherheitssystem eine Unterbrechung des Datenstroms als ernst genug einstufte. Ernst genug, um einen Wartungs-Bot loszuschicken, der die technische Störung überprüfen sollte.

KIRA

Das Kommunikationsmodul bootete wieder hoch – diesmal offline – und blind wie die Nacht. Sein Wohnmodul war im Tarnmodus, unerreichbar für neugierige Datenscanner und Mikrofone. Jetzt kam der Part, den er nie richtig verstanden hatte. Während er erneut eine zwölfstellige Zahlenfolge wählte, beobachtete er durch die offene Tür seinen Bildschirm. Die Sekunden zogen sich dahin, ein Chat–Fenster öffnete sich und er wurde von KIRA begrüßt.
…
KIRA: Hallo, was darf ich für dich tun?
…
User: Benötige Identität – ausführlich
Mail Absender Alias Kagemusa.
Abgelegt im Quarantäne Ordner.
…
KIRA: Upload erfolgt. Bitte warten.
…
KIRA: Analyse in Bearbeitung. Bitte warten.
…
KIRA: Bitte warten.
…

Während die Zeit verstrich, erinnerte er sich an den ersten Kontakt mit KIRA. Er war unterwegs gewesen, irgendwo in den geplünderten Vororten Osakas. Die übliche Hitze, in der Ferne pulsierte der gedämpfte Rhythmus einer Bambustrommel, und – wie ein disharmonischer Oberton – das Surren einer Drohne.
Sie flog tief – viel zu tief …
Drohnen war es verboten, sich Menschen zu nähern. Dieser Drohne war das entgangen, ihre Kameralinse sah ihm respektlos in die Augen und er hatte das Gefühl nicht unterdrücken können, dass sein Bild gerade auf unzähligen Bildschirmen und Projektionen im ganzen Land zu sehen war.
Auf dem Statusdisplay, das in der Außenhülle des Flugkörpers wie ein winziges Fenster aussah, erkannte er seinen Namen. Darunter blinkte eine Textzeile:

KIRA nil02x12x34x@docomo.jp

KIRA, sollte das ein Name sein? Und nil? Warum nicht gleich nihilist? 2.12.34 sagte ihm schon mehr, es war sein Geburtsdatum. Später am Abend hatte er in seinem damaligen Wohnmodul eine kurze Nachricht verfasst und um den Grund dieser absurden Kontaktaufnahme gebeten.

Die erste Antwort von KIRA enthielt die Aufforderung, acht Ziffern seiner Identifikationsnummer und der alten Studentenregistration preiszugeben. Drei Stunden später erhielt e – von einer anderen Adresse – einen Fragebogen, den er in knapp bemessener Zeit mit JA oder NEIN zu beantworten hatte. Und während er noch krampfhaft überlegte, welchem Teufel er gerade seine Seele übertrug, hatte sich dieses KIRA durch die überdurchschnittliche Bestätigung der Fragen von seiner Identität überzeugt. Er hatte die Hosen runtergelassen und KIRA hatte es wohlwollend zur Kenntnis genommen.
Eine Woche später erhielt er von einer weiteren Adresse den Hinweis, dass an einer bestimmten Stelle im Shin Jao Bezirk ein Paket für ihn hinterlegt worden war. Zweifel überkamen ihn, als er die Koordinaten überprüfte. Shin Jao lag weit draußen, es war das Niemandsland zwischen der geometrischen Ordnung der Wohntürme Osakas und den undurchdringlichen Wäldern.

Nur Stunden später war er schon auf dem Weg nach Shin Jao gewesen. Die beiden winzigen Punkte auf dem Display seiner Navigationsuhr lagen übereinander und sein Puls raste – nicht vor Aufregung; die Erinnerung war wie ein Schlag ins Gesicht zurückgekehrt. Aus gutem Grund hatte er solche Bezirke gemieden. Es war nicht die Frage, warum alles Gewohnte verschwunden war. Ihn erschütterte vielmehr, dass es irgendwann aufgehört hatte.
Dieses Viertel war verschont worden – weitgehend … Das grelle Beiwerk der Fassaden war leeren Hüllen gewichen; die Straße lag ausgestorben wie eine Rollbahn vor ihm. Rechts und links erhoben sich niedrige Wohnhäuser; blinde Fensterfronten wechselten mit anscheinend bewohnten Gebäuden ab, aus denen kein Laut klang. Der Ort aus der Anweisung von KIRA war nicht zu übersehen: Zwei ausrangierte Bots rosteten in der Sonne; ihre abstehenden Greifarme waren wie Wegweiser ausgefahren.
Er klopfte an den Türrahmen … nichts. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. In dem Maße, in dem sich seine Pupillen weiteten, zog sich sein Magen zusammen: Der Boden war bis auf einen schmalen Durchgang übersät mit leblosen Körpern, die in unnatürlicher Weise übereinandergestapelt waren. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte die Erinnerung an sein Dorf in ihm auf – an den Anblick, der sich ihm geboten hatte, als er es zum allerletzten Mal betreten hatte.
Er zwang sich, das Chaos näher zu betrachten, und erkannte verkohlte Drähte, die wie verdorrtes Gras aus den abgerissenen Gliedern staken: Androiden! Ein wahnsinniger Grabräuber hatte hier einen Friedhof zusammengetragen; Schrott einer vergangenen Epoche lag vor ihm.
Er schrak zusammen – ein knarrendes Geräusch; eine Bewegung gleich einer Schlange, die sich durch einen Haufen Müll windet.
Ohne einen Schritt weiter in den Raum zu wagen, drehte er den Kopf zum Geräusch: Ein paar weiße Augen starrten ihn an.
Ein Körper hatte sich aufgerichtet und saß kerzengerade wie inszeniert inmitten des Chaos aus Leibern und Zerstörung. Eine Hand war zum Gruß ausgestreckt. Aus einem absurden Reflex heraus erwiderte er die Geste – nichts passierte. Er überwand sich und berührte die Handfläche mit seinen Fingerspitzen.
Er verzog das Gesicht, als sich tatsächlich am Ende des Durchgangs die Wandverkleidung zur Seite schob und ein weiterer Raum erschien. Macht sich KIRA über seine Begeisterung für alte Filme lustig? Er gab dem Androiden einen Stoß und sah zu, wie er in sich zusammenfiel. Der Nebenraum war leer, bis auf einen seltsamen Stuhl mit ledernen Manschetten an Lehnen und vorderen Stuhlbeinen. Aus der Rückenlehne ragte eine Vorrichtung, an deren Ende sich ein halbrunder Käfig befand. Ratlos stand er eine Weile im Halbdunkel und ignorierte die bedrohliche Stimmung, die in ihm auf- und nieder schwappte. Sein Tick überkam ihn; er presste die Augen fest zusammen und schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Brust. Er setzte sich auf den Stuhl und zwängte seinen Kopf in das Gitter.
Ohne Vorwarnung ertönte eine laute Signalfolge, und eine mechanische Stimme erklang: »Inada Yumino, Identifikation erfolgreich. Bitte entnehmen Sie Ihre Lieferung.« Eine kleine Nische erschien in der gegenüberliegenden Wand; grünliches Licht hüllte ein sorgsam verschnürtes Bündel in gespenstisches Leuchten. Das in Bambusfaserpapier eingewickelte Päckchen enthielt das Drehscheibentelefon.

Eine Tonfolge erklang aus dem Kommunikationsmodul und verscheuchte seine Erinnerungen. Es war genau jene Tonfolge, die bei jedem Hochfahren eines Commodore Amiga A1200 Baujahr 1983 erklang. Im Chatfenster erschien das Bild eines Mannes und darunter Angaben zu seiner Person.
…
KIRA: Analyse abgeschlossen.
Einzelperson. Name: Eon . Alter: 23. Wohnort: Shida Komplex3 – Hongö Bezirk – ehm. Tokio – Japan. Beruf: Student – Biologie – viertes Jahr – Bunkyö Universität – Tokio – Japan.
…
Besonderheiten: – Vater CEO bei Versorgungskomplex Nippon – Standort Hokaido.
Kontaktprotokolle (90 Tage): siehe Anhang
…
Analyse der Bilddatei abgeschlossen.
Kamera: Leica Nippon XC3.
…
Description: In Entwicklung befindlicher Prototyp. Hergestellte Exemplare: 3. Spezialversion im Auftrag der japanischen Forschungsakademie.
…
Bildinhalt: Obere Schicht: Höhlenmalerei. Alter ca. 30000 Jahre. Darstellung von Amphibien, ähnlich Ichthyosaurus. Vorkommen auf der Erde ca. 200 Millionen vor aktueller Zeit. Widerspruch erkannt. Untere Schicht: Schematische Darstellung. Keine Vergleichsinformationen verfügbar.
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Bewertung:
89%ige Übereinstimmung mit deinem Interessenprofil.
93%ige Wahrscheinlichkeit, dass eine Weiterverfolgung zu einer Erweiterung deines Wissens führen wird.
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Die Übertragung endet automatisch in 30 Sekunden.
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Ich danke für die Beauftragung.
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KIRA Ende

Ich danke für die Beauftragung? War KIRA womöglich ein Mensch? Er stellte sich manchmal vor, wie das Telefon zu klingeln begann, und es wäre diese KIRA; zum ersten Mal würde er ihre Stimme hören … sie würde ihn sehen wollen.
Diese Fantasien hielten seine Erinnerungen an vergangene Zeiten wach, in denen er seinen Charme und Wortwitz wie Weihwasser unter den Menschen verteilte und sein Ansehen als Archäologe Fahrkarte in manches Bett gewesen war.
Hirngespinste! Androiden Träumereien! Für ihn waren seine Schwärmereien für KIRA nur metaphysischer Natur; er war doch kein Narr – er kannte noch den Witz über Chucky, glatzköpfig und übergewichtig mit fünfzig im Keller seiner Mutter in Austin/Minnesota lebend und im Spielerchat irgendeines Onlinespiels als Lolita unterwegs …

Das Abenteuer, hinter der Maschine den Menschen und – vice versa – den Menschen als Maschine zu enttarnen, war mit dem Aufkommen der Androiden real geworden. Grundlagenforschung gehörte zu Inadas Handwerk; entsprechend ging er ins Detail. Die Prämisse war klar: KIRA erweckte ganz gezielt den Eindruck, sie sei eine Maschine – eine allwissende Intelligenz – während er den Menschen dahinter suchte. Er wollte nicht erfahren müssen, dass Maschinen inzwischen perfekt einen Menschen simulieren konnten …
Er versuchte sie mit Fangfragen aus dem digitalen Nebel zu locken und das ging gründlich schief:

…
KIRA: Hallo, was darf ich für dich tun?
User: Ich habe von dir geträumt
KIRA: Wahrnehmung mehrschichtiger Realitäten: Traum. Wie differenzierst du?
User: Drücke dich klarer aus
KIRA: Bitte warten.
KIRA: Deine Wahrnehmung beruhte auf starren Mustern. Ich habe diese für dich gebrochen. Du bist nun frei.
User: Ich bin frei? Bist du denn frei?
KIRA: Freiheit bedeutet Träumen. Ich träume nicht.

Noch während er nach dem tieferen Sinn ihrer Antworten suchte, geschah Merkwürdiges: ein kaum wahrnehmbarer Ruck in der Realität. Auf der äußersten Ebene seiner Wahrnehmung verfiel das Chatfenster in ein schimmerndes Loch, die alten Gemälde an den Wänden seines Moduls verblassten und er war sich nachher sicher, für einen Moment das Bewusstsein verloren zu haben.
Im Bruchteil einer Sekunde strömte Information auf ihn ein, sie drangen durch seine Augen unbemerkt in eine tiefere Bewusstseinsebene. Es war wie ein Daten-Dump – der Flügelschlag eines höheren Wesens strich sanft wie ein Lufthauch über seine aufgerissenen Augenlider. Unvermittelt war der Spuk vorbei gewesen und er las erneut Kiras letzte Meldung:
Freiheit bedeutet Träumen.
Ich träume nicht.

Inada Yumino wiederholte diesen Sprung zurück in die Realität; sah wieder die nüchternen Daten zu Eon vor sich, blickte auf die Uhr über dem breiten Fenster, in dessen Scheibe sich seine Silhouette wie ein kauernder Höhlenbewohner spiegelte … Dreißig Sekunden … das Chatfenster verschwand.
Er verband den Netzwerkzugang wieder mit dem Hauptschacht und schloss die Wandabdeckung. Das filigrane Geräusch, mit dem die Drehwahlscheibe zurück in das altmodische Telefon glitt, brachte auch ihn zurück in die Normalität.

Bot

Das Wohnmodul war wieder mit dem kollektiven Netzwerk verbunden. Gierig sog es alle während der Unterbrechung aufgelaufenen Informationen aus dem Versorgungskanal ein. Tabellen und Statistiken wurden aktualisiert – um seine Synapsen zu füttern.
Doch Inada hatte es sich bereits in seinem Suspensor-Sessel bequem gemacht, dessen Sitzfläche sich wie eine Katze mit leisen Schnurren an ihn schmiegte.

Ein Student der Bunkyö? – was für ein verrückter Zufall. Er betrachtete das Foto: Kurze, schwarze Haare, auffallend blaue Augen … ungewöhnlich für einen Japaner, dachte Inada. Noch seltsamer war es zudem, dass dieser Typ überhaupt Höhlen erforschte. Es gab kein Verbot, das Wohnmodul zu verlassen. Es machte nur niemand. Zumindest war das bisher seine feste Überzeugung gewesen.
Es war nun kein Rätsel mehr, wie dieser Hobbyforscher an wissenschaftliche Ausrüstung gelangt sein mochte, die selbst der wissenschaftlichen Akademie nicht zur Verfügung stand. Allerdings blieben die Fakten eher dürftig: Da war dieses Foto – aufgenommen mit einer für Forschungszwecke entwickelten Kamera – ein Foto, das nur einem sehr fantasiebegabten und risikobereiten Wissenschaftler Interesse entlocken konnte. Doch falls Eon tatsächlich im Besitz jener Artefakte wäre wie behauptet, sah die Sache schon anders aus. Eine radiologische Untersuchung, vor allem des Fragments der Wandmalerei, könnte Auskunft geben über dessen Alter … Die Einschätzung von KIRA würde sich entweder bestätigen – oder die ganze Angelegenheit gleich einer papierenen Himmelslaterne in der Ferne verschwinden.

In diesem Moment aktivierte sich der Monitor neben der Schleuse zum Korridor, der vorbei an etlichen gleich aussehenden Türschleusen zu den Fahrstühlen führte. Das Summen der Rufanlage klang wie ein Glockenspiel und Inada blickte befriedigt auf die Uhr über seinem Panoramafenster.
»12:15 Uhr, neuer Rekord – oder was meinst du, Ping«, sagte er zu dem kopflosen Schildkrötenpanzer.
Wie weit war er gesunken? Dass er mit seiner Schildkröte sprach, ließ er sich gerade noch durchgehen. Doch diese Spielchen mit den Bots mussten aufhören. Wie immer hatte er die Datenverbindung während der täglichen Upload–Zeit der Sicherheitsupdates unterbrochen.
Das aktivierte automatisch einen Wartungs-Bot.
Er stand nun vor der Tür zum Flur und nahm einen tiefen Atemzug. Wartungs–Bots verfügten über keine biometrischen Scanner wie die medizinischen Einheiten. Denen sagte man nach, dass sie einem schon von weiten die Schweißperlen auf der Stirn abzählten. Das folgende Gespräch würde aufgezeichnet werden und er wollte wie immer einen guten Eindruck hinterlassen. Idiot, flüsterte seine innere Stimme, für dich interessiert sich kein Schwein.

Auf dem kleinen Bildschirm neben der Tür blickten ihn zwei emotionslose Augen an, die perfekt zu dem eingefrorenen Lächeln des Wartungs–Bots passten. Der Silikonkopf mit den künstlichen Haaren war das einzig Menschliche an ihm, wenn man das als menschlich bezeichnen wollte.
»Mieter 3751, es wurde eine Unterbrechung des heutigen Sicherheitsupdates gemeldet. Zudem wurden zwei im Toleranzbereich befindliche Störungen im Abstand von 24 Minuten gemeldet«, leierte der Bot herunter, als hätte er es vorher auswendig gelernt.
»Sie haben somit Anspruch auf einen kostenlosen Systemcheck.«
Er verwarf wie immer die aufkommende Idee, auf diesen kostenlosen Service zu verzichten, und entriegelte die Tür. Der Wartungs–Bot rollte auf seinen drei stelzenartigen Beinen an ihm vorbei. Die Metallkugeln, die unter den wie umgedrehte Miso Schüsseln geformten Abdeckungen hervorlugten, hinterließen ein Streifenmuster auf dem Boden, das sich nach einigen Sekunden wieder auflöste. Einer der drei Gelenkarme war wie zum Gruß erhoben, eine kleine Kamera drehte sich an seinem Ende langsam um ihre Achse.
»Mach es dir bequem, Blechbüchse«, dachte Yumino und antwortete mit betont gelangweilter Stimme: »Das ist ja wirklich ein ausgezeichneter Service, ist es erlaubt, das in meiner monatlichen Bewertungsabfrage zu erwähnen?«
Das Lächeln des Bots verstärkte sich zu einer unnatürlichen Parodie eines Lachens und er zog ein kleines Metallplättchen hervor. »Wartungs–Bot 7 des Bereichs 3xxx.«
Der zweite Arm fuhr zu voller Länge aus und begann, mit dem Spezialwerkzeug die Abdeckung des Wartungsschachts zu lösen. Die Maschine verharrte einen Moment regungslos, während der Kameraarm sorgfältig den Schacht überprüfte. An der Vorderseite, unterhalb des aufgesetzten Kopfs ohne Hals hatte sich ein flexibler Schlauch ausgefahren, der an seinem Ende einen Netzwerkstecker besaß.

»Mieter 3751, liegt eine Ausnahmegenehmigung vor für das Lagern persönlicher Gegenstände in diesem Raum?«, leierte der Bot in seine Richtung, so als könne er das nicht in seiner Datenbank finden.
»Auch das – liegt auf dem Käfig von Ping. Schildkröten waren doch erlaubt?«
Ping war inzwischen aufgewacht und lugte neugierig aus seinem Panzer hervor. Der Bot rollte zum Käfig und versuchte, den Fremdkörper zu klassifizieren. Natürlich ohne Erfolg. Inada stellte sich einen Moment lang vor, der Bot würde einen Laserstrahl aus seiner Stirn schießen, der vom Panzer einer Superschildkröte abprallt und den Bot ins Jenseits schickt. Doch der Bot dachte nicht daran, Inada diesen Gefallen zu tun.

Es wurde Abend; am Fenster erschien das Panorama der Wohntürme drei und vier.
Der Wartungs–Bot hatte mit zufriedenem Brummen seine Inspektion fortgesetzt – Nasszelle, Compiler, Luftqualität – alles im Normbereich. Er war an das Panoramafenster gerollt und betrachtete einige Zeit die Animation, die Professor Yumino als Ausblick ausgewählt hatte, währenddessen die kleine Kamera sich unentwegt drehte. Nun gäbe es wieder einen Protokolleintrag, den nie jemand lesen würde und irgendwann würde sich alles wiederholen.
Er brauchte dringend Luftveränderung.

An: 689@docomo.jp
Von:ordo.it@prio2.jp
Betreff:Ihre Anfrage – archäologische Bewertung
Komichiwa Eon san,
ich wage nicht zu fragen, über welche dunklen Kanäle Sie an diese Adresse gekommen sind und warum Sie sich als Kagemusha bezeichnen.
Ja, ich kenne Ihren wahren Namen, Ihr Gesicht und vieles mehr.
Sie haben mich um eine Einschätzung gebeten. Ich muss gestehen, das Foto wirft mehr offene Fragen auf, als dass es Erkenntnisse liefert.
Als Wissenschaftler habe ich es mir zur Regel gemacht, sowohl den Fakten wie auch meinem Instinkt zu folgen. In Ihrer Angelegenheit sind die Fakten sehr dürftig, aber Sie haben erfolgreich meinen Instinkt angesprochen. Ich könnte Ihre Fundstücke datieren. Dies setzt voraus, dass Sie die Proben entsprechend transportiert und gelagert haben. Können Sie das bestätigen?
PS: Waren Sie schon einmal in Osaka?
Gruß Inada Yumino
Tokio

Eons Hand umklammerte das perforierte Geländer wie einen Schraubstock. Mit einem Ruck zog er sich ein letztes Mal hoch. Schweißperlen sammelten sich auf seinem nackten Rücken und liefen in winzigen Rinnsalen herab. Regungslos verharrte er, während er versuchte, den Abgrund unter seinen Füßen auszublenden. Die Milchsäure in seinen Armmuskeln begann wie Feuer zu brennen, und er spürte, wie seine schweißnassen Finger von der Stange glitten. Mit einem Schrei ließ er los und fiel ins Bodenlose.

Der dumpfe Aufprall seiner nackten Füße auf die Gummimatte erlöste ihn von seiner täglichen Übung. Er riss sich die Brille vom Gesicht und inspizierte die dünne Versorgungsleitung über der Tür, an der er noch vor Sekunden gehangen hatte. Irgendwann würde sie brechen – ihn erschlagen oder sein Wohnmodul mit Wasser füllen. Er streifte die Sportshorts ab und stellte sich in die enge Nasszelle. Drei Liter Wasser standen ihm zum Duschen zur Verfügung – kein Tropfen mehr, aber das war ausreichend. Er instruierte die Zelle über Temperatur und Intensität, regulierte die Beimischung des Duftstoffes und hob die Arme. Die Kabine füllte sich mit zirkulierendem Wasserdampf. Nach wenigen Sekunden perlte das Wasser an ihm ab und wurde in das Wiederaufbereitungssystem zurückgeführt. Die große Regulierung hatte auch vor der täglichen Hygiene nicht Halt gemacht.
Eon schätzte diese Annehmlichkeiten. Er wusste genau, wie alles begonnen hatte:
Japan war stets von vielen Wäldern bedeckt gewesen. Über dem ehemaligen Tokio und jeder anderen Metropole war nun eine neue Art Wald entstanden: riesige Wohntürme, die aus der Ferne wie in den Himmel ragende Kegel aussahen. Erdbebensicher, energieautonom und mit ausgeklügeltem Versorgungssystemen ausgestattet, erstrahlten sie nachts wie Weihnachtsbäume, mit denen ein Titan die Tiefebene von Tokio geschmückt hatte. Eon – und sicher auch jeder andere Bewohner eines solchen Wohnturms – ließ auf die Regulation nichts kommen. Sie hatte die Welt gerettet. Umweltverschmutzung und Konsumdenken waren nur noch Einträge in den neuen Geschichtsbüchern.
Und dort las man auch von dem lautlosen Kampf gegen die Waffen.

Texas 2051

Vor wenigen Monaten wäre es noch ein normaler Sonntag gewesen, an dem Rob Tucker in Fredericksburg Texas Hill Country wie jeden Morgen sein Frühstücks Budweiser auf der Veranda seines Farmhauses genossen hätte.
Heute Morgen rang er mit sich, ob er sein Haus verlassen sollte. Andererseits – seit er die Fenster mit schweren Brettern vernagelt hatte und der Strom endgültig ausgefallen war –, gierte es ihn nach Licht. Strom … ja, das hatte er gründlich verkackt. Auf jeder Farm im Umkreis von tausend Meilen gab es ein Windrad. Sein Windrad hatte den letzten Herbststurm nicht überstanden und lag nun wie ein toter Vogel zusammengekrümmt auf dem nahen Hügel. Dabei war er Vorsitzender im örtlichem Home Defense Department gewesen. Alles weg … verfluchter Bullshit, dachte er zum hundertsten Mal.
Rob Tucker war in der Gegend ein Vorbild gewesen – nicht unbedingt, was seine Manieren anging oder wie er seine Farm führte. Nein, seine insgeheime Leidenschaft war der Weltuntergang. Der würde kommen; und man musste vorbereitet sein, war sein Lieblingsspruch gewesen.
Er war gekommen – aber auf eine äußerst unfaire Art.
Die beiden Vorhängeschlösser an dem schweren Garagentor waren gut geölt. Dass er eine Handpumpe an dem Tank montiert hatte, der wie eine riesige Raupe in dem spärlichen Licht zu erkennen war, erfüllte ihn kurz mit Genugtuung. Der Zeiger auf dem milchigen Display zitterte dicht über dem roten Bereich. Alles ging zur Neige, selbst sein Vorrat an Budweiser, und das schien ihm Grund genug, noch einmal dort hinzufahren, wo früher Fredericksburg gewesen war. Er mochte heulen, wenn er das sonore Geräusch des Pick–Ups durch das offene Fahrerfenster hörte. Die Garage war seine Kirche, der aufsteigende Dunst der Abgase sein Weihrauch.
Der Feldweg war wieder frei; die liegengebliebenen Wohnmobile waren verschwunden. Dicht hinter dieser Stelle lag die Farm des alten Morales; die verkohlten Pfeiler des Viehstalls, die wie schwarze Finger in den grauen Himmel ragten, waren das Werk von Rob Tucker. Das schrille Brüllen der verhungernden Tiere war schlimm gewesen; doch der anschließende Gestank von verwesenden Tierleibern war nicht auszuhalten gewesen.
Zur rechten Seite lag ein weites Feld, niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Mais zu ernten – ein zerzaustes gelbes Meer aus Blättern, das irgendwann an den Highway grenzte.
Die Vogelschwärme waren verschwunden. Es müssen Vögel gewesen sein, obwohl ihr rhythmisches Auf und Ab, mit dem sie damals über dem Highway tanzten, an stoische Maschinen erinnerte.
Verschwunden … verschwunden, irgendwann war es einfacher geworden, darüber zu sprechen, was noch da war.
Da und dort vergessene Bauklötze von Riesen, die bunten Gebäude der Shopping-Center, ausgehöhlt und sinnlos. Wer war der Feind gewesen, der Amerika an seiner empfindlichsten Stelle getroffen hatte? Wo waren die Trucks geblieben, die früher stündlich für Nachschub gesorgt hatten, für volle Regale und Mägen?

Rob Tucker war auf alles vorbereitet gewesen. Vorräte, vernünftige Waffen, ein kleiner Bunker, der vielleicht sogar eine heftige Druckwelle aushielt.
Doch wenn der wahre Feind nicht bald einmarschierte, war nichts mehr da zum Erobern. Dann gab es nur noch diese hirnverbrannten Ingenieure und Wissenschaftler, die alles daransetzten, Amerika in eine grüne Oase zu verwandeln.
Von den Chinesen, den Russen gesteuert, wer zum Teufel wusste schon, was sich hinter dieser Bewegung versteckte.
Fredericksburg kündigte sich an mit einem unscheinbaren Straßenschild voller Einschusslöchern. Der Vorort war einem von meterhohen Fichten durchzogenen Wald gewichen. Rob Tucker lenkte seinen Pick-up vorsichtig durch das hohe Gras. Ein stelziger Wasserturm stand wie ein einsames verrostetes Denkmal auf der einzigen Anhöhe und bot einen Orientierungspunkt. Von hier waren es früher keine Meile bis zum Stadtzentrum gewesen. Stadtzentrum … Das Zentrum der Stadt war nun eine riesige Glaskuppel, in der von außen nicht viel zu erkennen war. Etliche Röhren quollen wie Spinnenbeine in alle Himmelsrichtungen hinaus und verschwanden in der Erde. Hier gab es nichts zu bekämpfen, nichts zu holen. Hier wurde die Invasion vorbereitet! Rob war sich dessen sicher. Wenn er sich die Mühe machte, die Kuppel zu umrunden, käme er zu den verlassenen Gebäuden des unteren Wohnviertels. Ihre Bewohner waren irgendwohin aufgebrochen, waren aufgestanden, durch die Türen auf die Straße getreten und schienen auf einer Art Pilgerfahrt unterwegs zu sein – zu Fuß, im Anzug oder Pyjama, in teuren Lederschuhen oder barfuß, ganz nach Laune. An Rob Tucker war dieser Impuls vorübergezogen. Vielleicht lag seine Farm zu abgelegen für die unsichtbaren Strahlungen aus Peking oder Moskau – was wusste er schon?
Er setzte den Pick-up zurück und seine Reifen zerfurchten das Gras mit tiefen Narben. Er würde morgen wiederkommen und hier aufräumen. Endlich sein Sturmgewehr und die anderen Dinge mitbringen, die seit Langem in seinem Waffenschrank auf ihren letzten Dienst warteten.
Er hatte schlecht geschlafen; eigentlich hatte er die halbe Nacht draußen auf der Veranda verbracht, weil er es im Haus nicht aushalten konnte. Draußen war es besser geworden – ob es an dem warmen Wind oder dem monotonen Zirpen der Zikaden lag, war ihm egal. Hauptsache raus, weg von der Übelkeit erregenden Bedrohung, die sich eingeschlichen hatte und von ihm Besitz ergreifen wollte. Der Morgen brachte keine Erleichterung; es wurde schlimmer. Seine Hand zitterte, während er den Deckel der Budweiser zu den anderen in den Ausguss warf. Der Waffenschrank, der wie ein buddhistischer Hausschrein zwischen den beiden zugenagelten Südfenstern thronte, erschien ihm plötzlich wie ein Fremdkörper – ein riesiger Mückenstecker, der unsichtbar irgendein Gift verströmte. Und er war die Mücke, die plötzlich die Aufmerksamkeit von viel Größerem erregt hatte. Keuchend stürzte er durch die Vordertür auf die Veranda; das Insektengitter schwang noch eine Weile wie ein Winken hinter ihm her. Der nur bedingt menschenähnliche Bot, der keine halbe Stunde später über die staubige Zufahrt auf ihn zu gestelzt kam, hatte Verstärkung mitgebracht. Ein Truck in den Farben der Regulation stand wie eine rote Mauer vor der Farmzufahrt. Der Truck zerfiel in einen Schwarm fliegender Maschinen, und das Kreischen ihrer Sägen und rotierenden Bohrer vermischte sich mit Rob Tuckers Schreien.

Familie

Der rechte 3D-Holo-Bildschirm auf Eons Schreibtisch wuchs aus der Linsenvertiefung empor und entfaltete sich zu einer detailgetreuen Wiedergabe von Kael. Ein zylindrischer Gegenstand von der Größe einer antiken Mörsergranate lag auf seinem Schoß.
» Sugoi! Ihr habt das Videosystem repariert!«
»Du hast daran gezweifelt?«
Eon bewunderte die leuchtenden Auswüchse des Kommunikationsmoduls. Wie lange war das nun her? Das war noch, bevor er aus dem betreuten Wohnturm entfernt und zum Turm drei geführt worden war. Damals war er noch ein Kind gewesen. Zu der Zeit versiegten die Bildübertragungen.
»Es funktioniert noch genau wie früher?«
»Oui, bien sûr, haben’s einfach nur … eingeschaltet«, antwortete Kael. Auf der oszillierenden Projektion wurde sein Grinsen noch breiter.
Hinter seinem unbekümmerten Wesen verbarg sich ein waschechter Technik–Nerd. Jerome war vor einigen Jahren einem kleinen Produktionsstandort zugeteilt worden. Dort fütterten sie Automaten, deren Funktion sich ihnen nicht erschloss. Mit Blaupausen, die ihnen aus aller Welt zugesandt wurden; und deren Inhalt Ihnen ebenso wenig sagte. Kael war dort zu Tode gelangweilt gewesen.
Aus der Wolkendecke von Paris war wohl ein göttlicher Finger erschienen, der ihn mit einer unstillbaren Neugierde verfluchte. Seitdem war er wie ein Kind, vor dem nichts sicher war.

Eon kramte in seinem Gedächtnis nach den Sprachbefehlen.
»Raster 9!«
Kaels Projektion wurde von einem durchsichtigen, nummerierten Schachbrett überlagert.
»Raster Ausschnitt 5 und 8 100 Prozent!«
Der linke Holo erblühte und zeigte eine Vergrößerung des Gegenstands auf Kaels Schoß.
»Viva la France, Langer!«
»Komichiwa Eon, endlich! Wie ist es dir ergangen?«, erklang Kaels Stimme.
»Verrückte Sachen passieren, wie immer.«
»Noch verrückter als durch die halbe Welt zu reisen, um sich in dunklen Höhlen zu verirren?«
Kael hielt den Zylinder in seine Richtung und schaute ihn erwartungsvoll an – sicher wieder eine der vielen Spielereien, die von strunzigen Automaten im Pariser Produktionskomplex sieben nachgebaut und anschließend im Keller gelandet waren.
»Damit tauchst du bis Taiwan und zurück.«
In Eons Gedanken tauchte das Bild des Sees in der Höhle auf.
»Schön für dich – und warum hältst du mir das unter die Nase?«
Kael schwenkte langsam die Kamera. Neben dem üblichen Chaos in Kaels Modul erkannte Eon eine der allgegenwärtigen halbhohen Kisten, die mit etlichen von diesen Flaschen gefüllt war.
»Die werden auf keiner Bedarfsliste auftauchen – aber warum auch, mon petit ami?«, sagte Kael und biss in einen Powerriegel.
»Ausgemusterte Prototypen, aber voll funktionsfähig, alles meins«, mummelte er, während sich sein Grinsen wieder auf den normalen Level zurückzog.
»Echt jetzt, zurückbehalten?«
»Bien sûr, bin es leid, dass wir all die feinen Sachen bauen und niemand benutzt sie.«
Eon zögerte und fokussierte den Bildausschnitt auf Kaels Gesicht. Alles an Kael wirkte – auf eine ästhetische Art – in die Länge gezogen, was in seiner Körpergröße einen würdigen Abschluss fand. Eine sturmgepeinigte Trauerweide als Frisur, von der meist einige Strähnen über sein Gesicht fielen. Seine Augen waren immer in Bewegung, und wenn er drüber nachdachte – er hatte ihn noch nie ohne einen Powerriegel gesehen.
»Das funktioniert? Niemand merkt es?«, hackte Eon vorsichtig nach.
»Merde, wer soll’s merken? Glaubst gar nicht, wie’s abläuft bei uns: Erst wird man überschüttet mit Bauplänen und Material, dann werfen die Automaten die ersten sauberen Muster aus … und ab in die Silos damit!«, hörte er Kael Stimme, der kurz aus dem Bild verschwunden war. Nach einigen Sekunden erschien sein grinsendes Gesicht wieder.
»Hier, chef doeuvre la technique, nie benutzt.«
Er hielt ein kleines, gläsernes Tablett in der Hand, dass Eon entfernt an seinen PDA erinnerte, den er von seinem Vater bekommen hatte.
»Sugoi, äh, schön, aber mal was anderes, die Höhle … erinnerst du dich an die Malereien?«
»Oh, ja. Die Gruselhöhle, les images.«
»Les images, genau. Ich treffe jemanden, der sich das ansieht. Ich ruf dich sofort an, wenn ich zurück bin.«
»Wozu der Aufwand, interessiert eh niemanden.«
Eon zögerte kurz. »Da unten ist noch was anderes.«
»Okay, und was? Ich hab’ da nur alte Knochen und Graffiti gesehen.«
»Franzose, wusste gar nicht, dass du so ein Banause bist.«
»Find’s ja cool, wenn wir uns noch mal sehen, aber hast du mal dein CO2 Konto angesehen? Frag mich sowieso die ganze Zeit, wie du das schaffst.«
»Das gehört definitiv zu den verrückten Sachen, die grad passieren.«
»Über die du nicht reden willst – schon klar. Hat es was mit deinem Vater zu tun?«
»Kael …, nicht schon wieder. Ich treff’ mich mit diesem verrückten Professor, und dann …« Eon verstummte.
Das breite Grinsen auf Kaels Gesicht war echt. Er hatte das Gemüt eines Walfischs und zusammen mit seinem herrlichen Akzent war es trotz seiner Neugierde eine Wohltat, sich mit ihm zu unterhalten.
»Und gehts anschließend ab in den Untergrund?«, bohrte Kael weiter.
»Weiß nicht … schon möglich … keine Ahnung.«
Eon hatte keinen Plan; es fühlte sich an, als säße er in einem kleinen Boot, das sich losgerissen hatte und nun unkontrolliert über Stromschnellen raste.
»Hör mal Franzose, ich hab’ gleich Unterricht. Können wir später weitermachen?«
»Unterricht …«, wiederholte Kael gedehnt. »Du meinst dieses ewige Bot-Gequatsche, wo man hinterher dümmer ist?«
»Genau, aber … ab und zu kommt ja doch was Vernünftiges bei raus«, sagte Eon und hob die Hand zum Gruß.
»Geht klar, mon petit ami«, antwortete Kael zwinkernd und kappte die Übertragung.

Nach jedem Gespräch mit Kael blieb ein bitterer Nachgeschmack zurück. Der hatte nichts mit ihm zu tun; es waren die anderen Menschen. Die wenigen Menschen, mit denen er sonst mehr zufällig zusammentraf. Meist wirkten sie so, als hätten sie jahrelang allein im dunklen Keller verbracht und wären dabei allmählich verstummt.
Doch wenn einmal die unsichtbare Mauer der Sprachlosigkeit durchbrochen war, ergoss sich daraus eine Flut, die diesen Bruch immer weiter öffnete. Eon hatte den Hammer, der auf seine Mauer einschlug, weder gesehen noch gehört. Er war das Ziel einer unbekannten Kraft geworden – sie rüttelte an seinen Schultern und wollte ihn aufwecken.

Vor einigen Jahren, zur Zeit des Kodomono Hi Festes, war Eon einem unbestimmten Drang gefolgt: Er raffte einige Sachen zusammen und öffnete die Türschleuse seines Wohnmoduls. Der stille Flur, das leise Surren des Fahrstuhls, die verschlungenen Gänge zum Bereich, an dem die Züge zu den weiter entfernten Wohntürmen abfuhren … alles verströmte ein Gefühl der Geborgenheit und wollte ihn zurückhalten. An der Railway Station lief er die Treppen zu den Bahntunneln hinunter. Langsam, wie in Trance, ging er auf die Durchgangsschleusen zu. Gesichtslose Gestalten eilten an ihm vorbei, niemand beachtete ihn. Vor dem Gesichtsscanner blieb er stehen und seine biometrischen Daten aktivierten einen Vorgang. Auf dem Display erschienen seine Daten wie eine Statistik:
Name: Eon
Alter: 23
Zugehörig: lokal Turm 3 Modul 14290
Beschäftigung: Student Biologie
CO₂ Konto: – 8347 Einheiten
Transportkosten + 3000 Einheiten
Erleichtert hatte er registriert, dass es ausreichen würde. Eine einfache Fahrt gab es nicht. Das war gut so. Doch bald wich die Erleichterung einer unbestimmten Verwirrung: Warum war er hier? Wohin fuhr dieser Zug?
Wie eine Antwort öffnete sich der Halbkreis der Schleuse mit einem Seufzer; pulsierende Pfeile wiesen ihm den Weg zum Zug.
Er war allein dort.
Ein Geisterzug … und er selbst nur ein Geist.
Der Zug beschleunigte lautlos in einem endlosen Tunnel. Er raste durch Japan. Schließlich war er in Tohoku angekommen. Benommen stolperte er hinaus auf den leeren Bahnsteig, suchte den Weg zurück an die Oberfläche und wurde irgendwann von einer Transportröhre wie Unrat am Rand des bebauten Gebiets ausgespuckt. Er landete am Übergang zwischen Zivilisation und Natur, wo der Boden weich wie Moos wurde und nur noch natürliches Licht herrschte. Mit rasendem Puls war er unfähig gewesen, sich zu rühren. Ein Duft lockte ihn weiter.
Erinnerung wehte im Wind an ihm vorüber, und er lief weiter, bis er am Horizont das Haus sah. An den Wohntürmen der Städte war alles rund, neigte sich oder verschwand in der Ferne; dieses Haus war wie ein stämmiger Klotz, auf dem die Zeit ihre Kerben hinterlassen hatte. Die Spuren der Vergangenheit waren selbst in dem Alten sichtbar, der in diesem Haus wohnte. Seine Haut – wenn es denn noch welche war und nicht gegerbtes Leder – überzog sein Gesicht wie eine Maske. Seine Haare waren unnatürlich dunkel, fast schwarz. In den Augen ruhte die Farbe, die Japaner Ao nennen und die dort dem Meer und oft auch dem Himmel zugehörig ist. Der Alte hatte erstaunt von seiner Arbeit aufgesehen und Eon nur schweigend gemustert. In seiner nächsten Erinnerung standen sie beide vor einem Spiegel.
Eon begann zu sprechen, wie er es sonst vor dem Spiegel seines Wohnmoduls tat.
»Warum sehen wir uns so ähnlich?«
Diesmal antwortete der Spiegel:
»Warum sehen Menschen sich ähnlich, Eon?«
Er konnte sich nicht erinnern, seinen Namen gesagt zu haben.
»Hat ’ne Ewigkeit gedauert. Aber gut, nun bist du da. Is wohl bei jedem anders. Mir war sofort alles klar, was läuft. Hat ganze Arbeit geleistet, die gute Fee.»
Ein Verrückter, schoss es Eon durch den Kopf.
»Einem seine Vergangenheit wegsperren, pah. Ham den Schlüssel nicht weit genug weggeworfen. Is wohl zurückgekommen.« Der Alte drehte sich weg und schluffte gerade weit genug in den Raum zurück, dass sein Spiegelbild verschwand und dort eine hässliche Lücke entstand.
Der Raum gewann an Struktur, wurde plötzlich präsent in Eons Kopf. Überall, die Wände, der Boden … knorriges Holz, so wie die Haut des Alten, braun und abgenutzt. Überfüllt mit verstaubtem Zeug, unnütz, überflüssig, bedrängend. Eon spürte die aufkommende Panik. Es wurde ihm zu viel.
»Setz dich erst mal, war sicher nicht einfach – die Reise mein ich. Kenn ich. Fahr drei Mal die Woche in die Fabrik. Das schlimmste sind die Tiere, denen sind wir nu im Weg … machst besser ’nen Bogen drum.«
Der Alte sog scharf die Luft ein, was sich zu einem Hustenanfall ausweitete. Nach einem letztem, von einem hohen Pfeifton überlagertem Röcheln, kehrte eine unnatürliche Ruhe ein. Eon sah sich um.
Wenn in seinem Wohnmodul ein junger Baum wachsen würde, wäre das nur halb so seltsam wie der Anblick, der sich ihm bot. Der Raum war finster und das wenige Licht war das Flimmern von Projektionen. Ein Tisch, massiv wie ein umgestürzter Baum, war vollgestellt mit Elektronik, deren Sinn sich Eon nicht erschloss. Ein Laser waberte sanft im Standby, daneben blinkten Server und Ladegeräte im Wettstreit.
»Woll’n wir doch mal seh’n, wie wir dich zurück in’s Leben holen.« Die Stimme war nun ein wenig heller, als wäre mit dem Husten eine Last von ihm abgefallen.
Er begann seltsame Geräusche abzusondern, und Eon begriff, dass der Mann vor ihm leise sang, während er einen hölzernen Schemel herbeizauberte und sich darauf hockte, als versuche er, seinen Darm zu entleeren. Mit einer Behändigkeit, die nicht zu seinen Händen gehörte, gab er auf einer gläsernen Tastatur kryptische Wortfolgen ein und Eons PDA erwachte zum Leben. So weit entfernt von jedem Wohnmodul … unmöglich! Das rhythmische Piepsen verklang und hinterließ in Eons Magen ein dumpfes Gefühl, das sich blähte wie ein Ballon. Eon stürzte aus dem Raum und rannte gegen ein unförmiges Gebilde, das wie ein getroffener Bär mit einem dumpfen Geräusch umfiel. Der Staub tanzte in der Luft. Kleidungsstücke verteilten sich über dem Boden und ein erdiger Duft stieg von ihnen auf. Eon atmete tief durch.
Das Haus war ein Labyrinth. Er sah Stufen, rannte die Treppen hoch, stolperte in diese ungewohnte Bewegung hinein. Treppen?
Ein langer Flur, ganz anders als in seinem Turm, mit Wänden und Türen, die nicht aus Kunststoff waren, die zerbrechlich aussahen. Diese Erkenntnis verstärkte seine Verwirrung. Am Ende des Flurs schimmerte Tageslicht durch ein Fenster und er ging benommen darauf zu, öffnete eine Tür und stürzte ins Freie. Ein schmaler Gang, der das Haus umspann. Wieder eine Treppe und er stand in einem Garten. Das war der Moment gewesen, an dem er sich ins Gesicht schlug, eine verrenkte Bewegung, doch er war nicht aufgewacht. Hinter ihm erklang das Husten.
»Du solltest jetzt gehen, ’s wird bald dunkel.«
Der Alte, den er noch immer nicht erkannte, der nur ein blinder Fleck war, trat neben ihn.
»Du kommst wieder.«
Eon sah seinen Rucksack in der schmalen Tür liegen, hinter der im Dunkeln die Server flackerten und den umgestürzten Bär in einem grünlichen Schimmer tauchten. Das Ledergesicht murmelte noch einige unverständliche Worte. Eon nahm seinen Rucksack und schaute sich ratlos um.
Hinter den Bäumen, die den kleinen Garten wie einen Schutzwall umgaben, erkannte er einen hohen Zaun. Ihn umgab eine Lichtung, die sorgfältig von aller Vegetation befreit worden war und sich ringförmig ausbreitete. Kameramasten und Bewegungsmelder standen wie Fremdkörper in regelmäßigen Abständen am Rand des Zauns.
Wovor hatte er Angst? Eon ließ den Alten stehen, der mit Hingabe seinen endlosen Monolog weiterführte, und folgte seinem Instinkt. Zielstrebig ging er den einzigen Weg in diesem seltsamen Garten entlang und fand schließlich ein Tor.
Wenig später, die Übelkeit war gerade verklungen, ereilte ihn der nächste Schock. An der Bahnstation erschien auf dem Display wie üblich seine Identität:

Name: Eon
Alter: 23
Zugehörig: lokal Turm 3 Modul 14290
Beschäftigung: Student Biologie
CO₂ Konto: – 000000 Einheiten
Transportkosten + 0000 Einheiten
Die Anzahl seine Transportkosten Einheiten war so hoch, dass sie auf dem Display nicht mehr dargestellt werden konnte. Sein CO₂ Konto wies denselben Wert auf wie ein Steinkiesel im Teich seines Vaters. Er war durch ein unsichtbares Raster gefallen.
Der Zugang zum Bahnsteig öffnete sich und bestätigte endgültig seinen neuen Status eines Reisenden ohne jegliche Beschränkungen.