LUNA
»Du könntest doch mal was mit Vampiren schreiben, das ist grad voll modern«, sagt Antoaneta, während sie die mit bunten Glasfenstern eingefasste Terrassentür schließt.
Erstaunt schaue ich auf.
»Find’ ich klasse, du interessierst dich ernsthaft für meine Schreibe. Hmm, wie war das noch mal mit dem Schluss des letzten Buches. Das mit dem Pfarrer …, hat der überlebt? Was war mit der Kirche?«
»Essen ist fertig, kommst du?«, antwortet sie mir.
Alles klar.
»Du magst ihn wohl gar nicht mehr ausziehen?«, frage ich vorsichtig. Obwohl, im hellen Sonnenschein, mittags um zwölf, vor dem Hintergrund meiner Bücherwand, wirkt ihr von Yogakursen und fleischloser Kost verwöhnter Bikinikörper wie ein weiterer wärmender Himmelskörper.
»Meine Mutter hatte recht, du bist zu alt für mich«, erwidert sie mir und lächelt.
Ich mag ihre Mutter, aber damit hat sie unrecht. Antoaneta hat ein feines Gespür für die Dinge, die in der Welt geschehen. Selbst die unter der Oberfläche der Alltäglichkeit verborgenen Schwingungen scheinen ihre Antennen unfehlbar wahrzunehmen. Unsere Beziehung vergleiche ich in meinen Gedanken oft mit einem geheimnisvollen Mechanismus, in dem sich unsere so verschiedenen Eigenschaften zu einem Perpetuum mobile verschmelzen, das sich der universellen Physik entzieht.
»Hast du überhaupt eine Ahnung, wie alt Vampire sind?
Da sind meine mickrigen vierzig Jährchen nichts gegen.«
Unentschlossen, ob ich für eine hastig gerauchte Zigarette auf die Terrasse schleiche oder mich von der detaillierten Vorstellung einer verrotteten braunen Lunge abschrecken lasse, verharre ich bewegungslos.
»Dracula war ein einfühlsamer, zärtlicher Mann, nicht so ein Holzklotz wie du«, höre ich aus der Küche.
»Der musste seine Bücher nicht selbst schreiben. Hatte genug Zeit, sich zu entfalten. Wurde vergöttert, von den Frauen, mein ich.« Mein Blick fällt auf den Stapel gleich aussehender Bücher neben der Tür. Die Abtei der Mörder, von Radu Contoman, unverkäufliche Fehldrucke, die ich im Park an ältere Damen verschenke.
»Der Pfarrer ist zum Schluss gestorben, in der Kirche verbrannt«, sage ich, während Antoaneta meinen Teller mit Sarmale belädt, als würde morgen die Welt untergehen.
»War mir schon auf Seite dreißig klar«, sagt sie und ihr Blick durchdringt mein literarisches Selbstwertgefühl wie eine Kettensäge.
»Der Pope war nett, richtig sympathisch, die sterben bei dir immer zum Schluss.« Ich schlucke einen Brocken Kohlroulade runter und rüste derweil zum Gegenangriff.
Dann lässt mich ein Gedanke innehalten.
»Vampire sind unsterblich, bis auf diese Holzpflock Sache«, stelle ich nüchtern fest. Sie steht auf, geht um den Tisch und beugt sich zu mir, küsst mich auf den Mund.
»Deine Mutter hätte dich besser erziehen sollen, so am Tisch zu sitzen, mein Liebling«, füge ich mutig an.
»Glaub mir, Radu, dann wären wir nicht zusammen. Harte Männer tanzen nicht, böse Frauen sitzen im Bikini am Tisch.«
Ihre unergründlichen Augen verraten mir nichts über den tieferen Hintergrund dieser Worte. Antoaneta ist das Beste, was mir in meinem bewegten Leben passiert ist. Wir sind seit Kurzem verheiratet, wenn zwei Jahre kurz sind. Ich vergöttere sie, auch wenn mich ihre neueste spirituelle Phase verunsichert.
Aus dem Wohnzimmer höre ich das typische Piepsen von Sprechfunk und die verzerrte Stimme von Neil Armstrong.
»Wann kommen sie zurück vom Mond?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.
»Sie kommen in der Nacht. Auf jeden Fall abends. Schaust du dir es mit mir an?«
Es gelingt mir nicht, meinen sehnsüchtigen Blick auf die Romanta-Schreibmaschine zu verbergen, die neben dem klobigen Kasten des nagelneuen Schwarz-Weiß-Fernsehers steht. Ich hasse diesen neumodischen Kram. Mondlandungen, Fernsehen. Yogakurse, die meine Frau in ein von kosmischer Spiritualität durchflossenes Wesen verwandeln …, wo führt das noch hin?
»Sehr gerne, mein Liebling, es interessiert mich brennend«, lüge ich.
»Also was ist?«
»Also was ist was?«
»Radu, wirklich, wir leben im Land der Vampire. Hier wurde Vlad Drăculea begraben. Hast du jemals seine Burg besucht? Immer hockst du vor deiner Schreibmaschine. Lass sie uns besuchen.«
Aus dem Radio erklingt der Jingle von Voice of America. Ein Nachrichtensprecher spricht, viel zu schnell für mein ungeübtes Ohr, von Vietnam, von einem entschlossenen Nixon.
»Irgendwann holen sie uns ab, wenn du weiter diesen Sender hörst«, sage ich.
»Ein Grund mehr, ein guter rumänischer Bürger zu sein und unsere kulturellen Wurzeln zu erkunden«, verkündet sie und steht auf. »Ich geh’ zur Post und mach ein paar Anrufe, schau nach dem Bus und du machst den Abwasch?«
»Viel Spaß beim Warten, nimm dir ein Buch mit.«
»Wenn man mich mit deinen Büchern auf der Straße sieht, werde ich direkt verhaftet …, lässt ’nen Pfarrer sterben, geht’s noch?« Dann ist sie verschwunden.
Der Kommunismus ist in Rumänien allgegenwärtig und bildet den perfekten Rahmen für den überall spürbaren Aberglauben. In den Dörfern, selbst in den alten Vierteln der Städte, die sich wie liegengelassene, schmutzige Putzlappen an den Rändern der Betonwüsten stapeln, sind die schweren Holztüren mit verrosteten Eisenbändern verstärkt und Bündel von Knoblauch künden von der Furcht ihrer Bewohner vor dem Strigoi. Nachts, wenn der Regen nur ein von Mondlicht beschienener, silberner Vorhang ist und die Hofhunde winselnd in ihren Hütten kauern, treibt der Strigoi sein Unwesen. Ein Geist oder Vampir, der im Volksglauben Rumäniens als wiedergekehrter Toter gilt, der Unglück bringt oder Schaden verursacht, deiner einzigen Kuh ihr Blut aussaugt. Selbst ich, der ich den Pope sterben ließ, trage ein silbernes Kreuz.
Mein Sonnenschein ist zurück und die Flasche mit meinem Lieblingswein in ihrer Hand lässt nichts Gutes ahnen.
»Sieben Leu kostet die Fahrt und ein Zimmer brauchen wir nicht zu mieten.«
Meine Augenbrauen entwickeln ein Eigenleben und ziehen die Stirn in Falten.
»Eine Freundin von der Frau von Andrei, du erinnerst dich an ihn, hat eine Jagdhütte in den Bergen, nicht weit von Poenari«, höre ich aus der Küche ihre Stimme. Der Plopp des Weinkorkens hilft mir auf die Sprünge und ich erinnere mich tatsächlich. Andrei, ein Onkel dritten Grades; und er lebt am Arsch der Welt, wortwörtlich in den Karpaten.
»Du willst zur Ruine, nicht zum Schloss Bran?«, frage ich verwundert zurück.
»Du musst seine Burg erleben, na ja, was davon übrig ist, aber nachts ist es dort episch.«
»Unter einer epischen Nacht stelle ich mir was anderes vor«, rutscht es mir raus, während in meinem Nacken die feinen Härchen von einem Schneesturm aufgerichtet werden.
Antoaneta stellt zwei halbgefüllte Weingläser vor mich auf den Tisch und lächelt mich mit diesem Lächeln an. Ich liebe sie.
Wir sind endlich angekommen. Die Pritsche des Zweispanners, mit dem uns Andrei abholte, beides Relikte aus der Zeit Igor des Schrecklichen, hat auf meinem Hintern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Andrei hat einen Korb mit dem Nötigsten dabei, wie er sich ausdrückt. Frisch gebackenes Brot, Käse, Schinken und eine riesige Hartwurst, deren Knoblauchanteil sie für eine geeignete Waffe gegen jeden Vampir auszeichnet. Die Hütte ist ein typischer Unterschlupf eines ebenso typischen Bewohners dieser Gegend, der sich nebenbei, illegal, einen Rehbraten gönnen möchte. Wasser kommt aus dem Brunnen und eine Toilette ist auch vorhanden, sagt Andrei und deutet auf einen klapprigen Holzverschlag am Rand der Wiese, die wie ein magischer Ring die Hütte umgibt. Es ist Mittag, doch der Wald, der uns nach wenigen Metern umschließt, wirkt wie eine schwarze Wand. Ich schaue Antoaneta verstohlen an, suche nach einer Verbündeten für oder gegen meine aufkommende Beklemmung. Nichts. Ihre Augen, die gewellten Haare, die wie ein goldener Schleier bis zu den Schultern fallen, alles strahlt in der Sonne. Sie steht neben Andrei, betrachtet etwas auf der Ladefläche der Kutsche, das dort, zwischen Strohresten und festgezurrten Heugabeln, von einer mottenzerfressenen Wolldecke verdeckt gewesen war.
»Radu, schau doch, Onkel Andrei hat sogar an frischen Knoblauch gedacht.«
Mein Blick wandert von der Kutsche zu den beiden angespannten Ackergäulen, deren massige Körper einen feinen Dunst aus Schweiß absondern und dessen Geruch mit dem Wind wie ein Hauch von Gefahr in meine Nase dringt. Ich schüttele leicht den Kopf, als wolle ich einen lästigen Gedanken verdrängen.
»Schön«, höre ich mich sagen. »Das ist wirklich schön …, sehr schön.«
»Radu, alles in Ordnung?«
»Wir haben die Taschenlampen vergessen.«
»Du bist so unromantisch. Findest du nicht auch, Onkel?«
Der Onkel, mit dem ich in meinem Leben keine fünf Sätze gewechselt habe, wirft mir einen undefinierbaren Blick zu, greift unter den Stapel der Knoblauchstangen und zieht eine gepflegt aussehende Schrotflinte hervor.
Wortlos drückt er sie mir in die Hand. Ihr Lauf, ein von filigranen Rillen überzogenes kühles Rohr, ist fachmännisch verkürzt worden, das erkenne selbst ich. Eine Weile stehen wir uns so gegenüber. Schließlich, nur Sekunden, bevor mir das peinlich wird, brummt er: »Patronen sind im Schrank, neben der Tür zum Keller. Drei Leu für jeden Schuss, also ziel auf den Kopf.«
Unter den Locken meiner dunklen Haare beginnt es zu kribbeln. Ich bin zwar, oft in Gegenwart meiner Frau, etwas begriffsstutzig, doch das folgende laute Gelächter überrascht mich nicht sonderlich. Verarscht mich ruhig, denke ich, während mein Lachen erstaunlich echt klingt und ich in den Augen von Andrei so etwas wie Anerkennung zu bemerken glaube.
Taschenlampen sind langweilig, komm mit, ich zeig’ dir was, höre ich wieder seine tiefe Stimme. Er führt uns um die Hütte und öffnet einen kleinen Anbau, der wie ein Zwilling des Plumpsklos aussieht und in dem ein schummeriges Zwielicht herrscht. In den Regalen ist ein unsortiertes Chaos, doch ein Brett wurde mit weißem Leinentuch ausgeschlagen. Drei silbrige Kruzifixe und eine kleine, blinde Ampulle liegen dort im exakten Abstand zueinander. Darüber, wie an der Wand im Wohnzimmer meiner Eltern, hängt ein größeres Kreuz, reich verziert und flankiert von zwei Heiligenbildern. Andrei bekreuzigt sich, murmelt einige leise Worte und zeigt auf ein Regal, in dem Petroleum-Lampen – aufgereiht wie große Zinnsoldaten – in einer Reihe stehen.
Andrei hat scheinbar Gefallen am Sprechen bekommen: »Feuer vertreibt die Wölfe.«
Kein Scheiß, sagt der Schriftsteller in mir, der Jack London gelesen hat und die Tierwelt der Karpaten kennt, die weit Größeres als nur Wölfe umfasst.
Ich täusche Begeisterung vor und lasse mir die Bedienung der Öllampen erklären, was zu einer von Rauchschwaden begleiteten Flucht ins Freie führt. Dann betreten wir endlich, begleitet von den Aahs und Oohs Antoanetas, die aus derben Bohlen gezimmerte Hütte. Den Geruch von gegerbtem Leder und öligem Holz empfinde ich als angenehm, und selbst Antoaneta, deren Nase in ihrer bezaubernden Schlichtheit selbst feinste Gerüche gnadenlos erkennt, hebt begeistert das Gesicht. Sie umarmt mich, und ich höre ein gehauchtes »Danke« in meinem Ohr.
Andrei hat es eilig, zeigt auf die Sonne, die bald die Wipfel der Eichen berühren wird. Dann künden nur noch die halb leeren Futtereimer und der von den Gäulen leer gesoffene Trog aus Holz von seiner Anwesenheit. Mir ist mulmig zumute.
Die Freundin seiner Frau, welche Dinge werden wir hier von ihr finden? Über dem schmächtigen Kamin, auf dessen Sims keine Spuren ihrer Existenz zu erkennen sind, hängt wie ein Klischee der ausgestopfte Kopf eines zähnefletschenden Braunbären. Neben dem Kamin, sorgsam gestapelt in einer verrosteten Gitterkiste, genug Brennholz für die Nacht. Ich bin ein Kind der Städte, verwöhnt von Strom und dampfenden Badewannen. Antoaneta, bei aller Zartheit, ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie ist immer noch draußen, schlägt vor der Hütte mit einer Axt auf dicke Holzscheiben ein und zerkleinert sie zu handlichen Stücken, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Die ersten Seiten meines Notizenblocks füllen sich. Es dämmert, und ich helfe ihr beim Anfeuern des Kamins. Die hintere Wand des Hauptraums, dem Kamin gegenüber, scheint nur aus Türen zu bestehen. Der Kamin selbst steht neben der Eingangstür, dort, wo man eher ein Fenster erwartet hätte. Zwei dieser Türen führen in winzige Räume ohne nennenswerten Inhalt. Die mittlere Tür soll in den Keller führen und weist eine beunruhigende Besonderheit auf. Zwei verstaubte Bretter sind quer darüber an ihren Enden in den Rahmen der Tür genagelt worden. An meinem Handgelenk glimmen die Ziffern der vergoldeten Poljot Uhr. Zwei Stunden bis Mitternacht und wir sind beide in einer Stimmung, die sich nicht beschreiben lässt. Auf dem aus schwarzem Holz gezimmerten Tisch sind die Überreste des Abendessens einem neuen Stillleben gewichen.
Ein mächtiges Brecheisen liegt neben silbernen Kruzifixen, dazu zwei geflochtene Ketten aus weißen Knollen, ein Geschenk von Andreis Frau; und das alles flankiert von heruntergedrehten Öllampen, die nun endlich nicht mehr rußen. Antoaneta hat mir alles genau erklärt. Heute Nacht, als harmlose Generalprobe, werden wir den Keller erkunden.
Wir werden nicht darüber nachdenken, warum sich, vor langer Zeit, ein mit Sicherheit längst verstorbener Vorbesitzer so viel Mühe gab, den Keller mit Brettern zu verschließen.
Mein Notizblock giert nach Besonderem, dass Drängen meiner Frau trägt Früchte.
Ein genageltes Brett von einem Rahmen zu entfernen, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen, ist kein einfaches Unterfangen. Doch nun liegen die Bohlen zu unseren Füßen, die Tür, unverschlossen, ist weit geöffnet und keine aufgescheuchten Fledermäuse sind aus dem dunklen Loch entströmt.
Antoaneta steht vor dem niedrigen Schrank und schminkt sich, als wolle sie sich für den Kuss des Bösen vorbereiten. Ihr Spiegelbild wird von angelaufenem Glas an der Wand in grauen Dunst gehüllt.
»Ich erkenne einen Widerspruch«, sage ich und blicke von meinem Notizbuch auf.
»Erkennst du es auch?« Ihr Lippenstift hat die Farbe von Blut, natürlich. Mein Gesicht verzieht sich für Sekunden zu einem Klischee, eine Braue zwingt die darüberliegende Stirnseite in Falten. Dann entspanne ich mich und meine Gesichtszüge fallen in die Unschuld ehrlichen Erstaunens zurück.
»Diese Tür ist seit Ewigkeiten verschlossen. Geschmiedete Nägel, das gab es zu Zeiten, in denen mein Urgroßvater gegen die Osmanen kämpfte. Wieso spricht Andrei von einem Keller?«
Sie hängt sich eine Knoblauchkette um ihren schlanken Hals, dreht das tanzende Licht der Öllampen auf, ergreift ein Kruzifix und blickt mir dabei unentwegt in die Augen.
»Lass es uns herausfinden.«
Die Treppe führt viele Meter steil in die Tiefe. Ein vergessener Zugang zu einem Zwergenreich, dessen tolkienschen Bewohner den harten Felsen nur grob behauen haben. Die vielen Stufen sind schartig und von Staub und Steinsplittern bedeckt. Das ist kein Weg in einen heiligen Ort, der von den Schuhen unzähliger Gläubiger poliert wurde. Die Luft ist kühl und ohne Geruch. Ich erwarte eine Gruft oder, hinter einer noch nicht sichtbaren Biegung, den majestätisch anmutenden Anblick einer versunkenen Grotte.
Enttäuscht hebe ich meinen Arm in den unscheinbaren Raum am Ende des Abstiegs und lasse das Licht der Laterne über verrottete Fässer und verstaubten Ansammlungen von Flaschen scheinen. Ein Weinkeller? notiere ich mit zittriger Schrift.
Auch hier ist alles aus dem Felsen geschlagen, bis auf eine aufgeschichtete Wand, die aus behauenem Felsklötzen besteht.
»Wenn das Tokajer Muskatwein ist, bestehe ich darauf, dass wir uns heute Nacht betrinken.«
Der dünne Rauchfaden meiner abgestellten Laterne neigt sich der steilen Treppe zu und auf dem feinen Schweißfilm, der meine Stirn bedeckt, spüre ich den Hauch der kalten Luft, die aus den Fugen der gemauerten Wand dringt.
»Es geht weiter«, höre ich Antoanetas Stimme und notiere genau diese Worte. Ich unterdrücke den Impuls, meinen Namen unter diese letzte Seite zu setzen, als Beweis, dass selbst diese unscheinbaren Notizen meinem Genius entsprungen sind und das Letzte waren, das ich jemals schrieb.
Sie eilt die Treppe zurück und lässt mich allein. Mir ist klar, was jetzt kommt.
Wir haben uns schuldig gemacht und gemeinsam die Wand durchbrochen. Meine Hände sind blutig von dem Eisen der Brechstange und auch Antoaneta ist von Staub bedeckt und das dezente Make-up längst zerstört. War es gestern, dass wir scherzend in unserem hellen Haus über Vampire sprachen?
Die unbeschädigten Flaschen, die, so Gott will, Wein enthalten, sind wie Trophäen oder als Zeichen der Wiedergutmachung von uns gerettet worden. Wir stehen nun hinter der Wand, haben uns durch den schmalen Spalt in der Mauer gezwängt und endlich begreifen wir, warum die Tür vor Hunderten von Jahren verschlossen wurde. Besorgt suche ich im Gesicht von Antoaneta nach Furcht, doch sie scheint, von einer kindlichen Naivität getrieben, nicht die unheilvolle Bedeutung dieses Ortes zu erfassen.
Geht meine Fantasie mit mir durch? Es ist kalt, aus dem finsteren Teil der Höhle, der von unseren Laternen nur angedeutet wird, dringt leises Rauschen und das Geräusch tropfender Stalaktiten in meine Ohren. Der Boden der Höhle besteht aus glatt polierten Steinquadern, von denen jeder Einzelne mit Abbildungen seltsamer Wesen oder an Hieroglyphen erinnernde Zeichen versehen ist.
»Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen.« Ich spreche so leise, dass es fast ein Flüstern ist.
»Warum denn?« Sie zieht ein sauberes Taschentuch hervor und beginnt routiniert, die verlaufene Schminke von ihrem Gesicht zu entfernen. Sie ist nicht naiv, geht mir durch den Kopf, für mich wirkt sie unvermittelt wie ein von kosmischer Energie durchströmtes Wesen, das sich seinem Ursprung nähert.
»Hast du denn überhaupt keine Angst?«
»Doch, ich habe Angst davor, dass du jetzt kneifst. Soll ich etwa allein weitergehen?«
»Deine Mutter hat recht, ich bin zu alt für dich«, sage ich und quäle mir ein Lächeln ab. Langsam verschwindet das bleierne Gefühl in meinen Beinen und ich folge ihr tiefer in die Höhle.
Mein umherhuschender Blick ist ungeduldig, versucht dem Schein des Lampenfeuers voraus zu sein. Die hohen Wände der Höhle ziehen sich allmählich zusammen, rücken immer näher an uns heran. Wir umgehen die kaum erkennbaren Wasserpfützen, in denen Schlieren grünlicher Substanz von unserem Licht fluoreszieren und ich wende angewidert meinen Blick ab. Wenn diese Blumen der Nacht zu zittern begännen, würde ich schreien. Antoaneta geht in die Knie und bevor ich die Kraft finde, meinen Mund zu öffnen, um ihrem absonderlichen Forscherdrang Einhalt zu gebieten, fischt sie mit der Brechstange einen nicht enden wollenden Fetzen Schleim empor.
»Wie kann in dieser Finsternis Chlorophyll entstehen?«
»Chlorowas?«, krächze ich und beginne, die Peinlichkeit dieser Wissenslücke mit einem Hustenanfall zu vertuschen. Mein Notizenblock fällt mir ein und ich notiere eine weitere Frage, die ich mir, vielleicht in einem anderen Leben, selbst zu beantworten plane.
»Was sagt deine Uhr?«
»Kurz vor Mitternacht.«
Als ob das an diesem Ort der ewigen Nacht eine Rolle spielt.
Aber vielleicht denke ich einfach nicht kreativ genug, bin zu unerfahren mit den Gewohnheiten von Vampiren.
»Wollen wir noch ein bisschen weiter?«, sagt sie und senkt ihre Angel. Die Substanz gleitet mit einem schmatzenden Geräusch zurück.
Wir gehen weiter. An den Rändern der Höhle tauchen aus dem Felsen gehauene Säulen auf. Ich erkenne vor uns eine monströse Ansammlung aufragender Steinquader, zwischen denen abscheuliche Statuen in verrenkten Posen Wache stehen.
Sie bilden einen Ring, der eine neuerliche Ungeheuerlichkeit umfasst. In den alten Kathedralen der orthodoxen Kirchen finden sich vereinzelte Sarkophage, in denen die Gebeine von Heiligen ruhen. Vor uns, wie ein dreidimensionales Schachbrett, reihen sich Dutzende dieser Steinsärge eng aneinandergedrängt. Ihre schweren Deckel liegen von ungezügelter Wut zertrümmert auf dem Boden.
»Oh mein Gott!« entfährt es mir. Mein Schreibblock fällt auf den Boden und eine Wolke aus Staub und den Fasern längst verfallener Gewänder wirbelt auf. Ich suche instinktiv die Nähe des einzig Lebendigen, das mich hier umgibt. Antoaneta steht erstarrt nur einen Schritt entfernt von mir, registriere ich erstaunt. Ihre Hände umklammern die Brechstange mit blutleeren Knöcheln. Sie presst das Eisen gegen ihren Körper.
»Siehst du ihn?« erklingt ihre leise Stimme. Behutsam lege ich meinen freien Arm um ihre Schulter und folge ihrem Blick, der magisch von einem ungeöffneten Sarg angezogen wird. Uns durchzuckt in derselben Sekunde der Wunsch, diesen Ort zu verlassen, ich spüre es deutlich an dem unkontrollierten Zittern, das ihren Körper in Wellen durchläuft. Langsam, ohne den Blick abzuwenden, gehen wir Schritt für Schritt zurück. Ich pralle mit dem Rücken gegen etwas Hartes, höre ein leises Klirren, und ich zwinge meinen Körper in eine verrenkte Drehung. Die Öllampe flackert. Eine von grauen Spinnweben verschmutzte Flasche rollt auf mich zu, erreicht den Rand einer unförmigen Holzkonstruktion und fällt wie in Zeitlupe zu Boden. Sie zerbricht in winzige Splitter, und aus ihrem vormals staubigen Bauch rollt ein vergilbtes Pergament direkt vor meine Füße. Meine Gier nach beschriebenem Papier überwindet meine Angst und ich ergreife das Schriftstück. Wir beginnen zu rennen.
Die Tür zum Keller ist wieder vernagelt und der schwere Schrank, den wir in stiller Übereinkunft davor gezogen haben, ist nur ein schwacher Schutz gegen die Erkenntnis, dass wir eine weitere Nacht hier verbringen werden. Die Sprache auf dem vergilbten Papier ist mir unbekannt. Wir haben den Tag im Schatten einer Eiche verbracht. Die Seiten meines Notizenbuchs füllen sich wie von selbst und ich wage es nicht, diese Seiten zurückzublättern. Morgen in der Früh, (oder war es später Mittag?), wird zwischen den dunklen Stämmen des Walds Andrei erscheinen, als ein göttlicher Abgesandter der Zivilisation, und wir werden keine Zeit verlieren, uns auf den Weg zurückzubegeben. Antoaneta, meine Antoaneta, hat ein Lagerfeuer vorbereitet und auch genügend Holz gestapelt, neben dem Kreuz und den Heiligenbildern, die auf einem weißen Leinentuch neben den provisorischen Bettlagern ruhen.
Die trügerische Sicherheit der Zivilisation hat uns wieder eingehüllt. Wir haben gegenüber Andrei kein Wort über die Geschehnisse verloren und er verschloss die Hütte, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Die alten Weinflaschen warten dort auf ihren wahren Besitzer, einzig das Pergament habe ich nun neben meiner Schreibmaschine liegen. Ich werde gleich in das älteste Museum der Stadt fahren, in der Hoffnung, dort etwas über die Sprache der Nachricht zu erfahren.
Der Vorsteher des Museums ist ein alter Mann, der weder dem Kommunismus noch den restlichen modernen Errungenschaften seiner Heimatstadt verbunden ist. Er ist der schlauste Bewohner dieser Gegend, das hat schon mein Vater über ihn gesagt. Ich überreiche ihm, nach den üblichen höflichen Floskeln, das Pergament.
Ohne Zögern liest er vor:
»S’a sfârșit. Noi am gonit pruncii. Să se ducă de unde au venit, dintr-un foc de lumină de pe cer sau dintr-o coamă palidă ce noaptea luminează ogoarele. Luna este blestemată și să rămână așa.« Erstaunt blickt er mich an und ich beobachte, wie sich die Falten in seiner Stirn vertiefen.
»Die alte Sprache, wie sind sie daran gekommen?«
Ich zögere, erfinde spontan eine harmlose Geschichte.
»Können Sie es übersetzen?«
Er lächelt mich an.
»Du bist der Sohn vom alten Contoman, stimmts?«
Mein Nicken lässt das Lächeln in seine Augen wandern.
»Ihre Frau«, er deutet auf den Ring an meiner Hand, »backt sicher köstlichen Kuchen.«
Ich reiche ihm die Hand und schwärme von ihrem Apfelkuchen.
Begriffsstutzig, wie ich nun mal bin, verstehe ich endlich und verspreche ihm, gleich morgen seine Mühen zu entlohnen.
Der Alte, wohl ein Freund meines Vaters, holt einige Bücher hervor und beginnt zu schreiben.
Ich bin auf meiner Wanderung durch das Museum nicht weit gekommen, da eilt er schon auf mich zu.
»Und sie wollen ganz sicher nicht verraten, wo sie dieses Blatt gefunden haben?«
Schuldbewusst erkenne ich, dass ich ein schlechter Lügner bin.
»Verzeihen sie meine Unaufrichtigkeit. Gefunden haben wir es in der Gegend von Poenari, eine schaurige Höhle voller Särge, ein vergessener Friedhof oder was weiß ich.«
»Gab es dort die Zeichen Jesu Christi?«, fragt er und durchbohrt mich mit seinem Blick. Ich schüttele den Kopf.
Er wirft einen Blick auf die Übersetzung und sein Kopf beginnt zu nicken.
»Warten Sie einen Moment. Manche Wörter verraten ihren wahren Sinn nur durch den Kontext.«
Ich bemerke eine aufkommende Unsicherheit an ihm, er scheint in sich zusammenzusinken. Nur wenig später drückt er mir den Zettel in die Hand.
»Es handelt sich nicht um ein Gedicht, wie ich anfangs annahm. Es ist eine Warnung …, vor dem Mond. Vor den Geschöpfen, die sich dorthin zurückgezogen haben.«
Es ist vorbei. Wir haben die Babys Brut verjagt. Dorthin zu gehen, wo sie herkamen, von einem Lichtfeuer Stern am Himmel oder aus einer bleichen Mähne Sichel, die nachts die Felder erleuchtet. Der Mond ist verflucht und lass es so bleiben.
»Was werden sie jetzt tun?«, fragt er so leise, dass ich es kaum verstehe.
»Jetzt tun? Wie meinen sie das?«
»Die Amerikaner …, sie kommen morgen zurück.«
Wieder brauche ich einige Sekunden, um zu verstehen. Die Mondlandung …, die Raumkapsel wird morgen die Erde erreichen, während Millionen Menschen es vor den Fernsehern und Radios verfolgen.
»Was kann ich schon tun, außer glauben, dass das alles Humbug ist, ein weiteres Schauermärchen aus der Welt der Fantasie?«
Das Lachen ist aus seinem Gesicht verschwunden. Die Räume des Museums sind seltsam still. Wir sind allein. Allein mit einer bösen Ahnung und dem überwältigenden Gefühl von Hilflosigkeit. Er reicht mir zum Abschied grußlos die Hand.
Das Licht der tief stehenden Sonne blendet mich, wirft meinen langen Schatten auf den schmutzigen Asphalt, der mich nach Hause führt, in die Arme meines allwissenden Engels.
»Hör zu, Radu, hörst du mir zu?«
Ich nicke.
»Wir gehen zur Post. Lassen uns verbinden, mit einem Freund in Amerika, ein bekannter Prediger, der dort lebt.«
»Ein Prediger? Was soll das bringen?«
»Ja, ein Prediger. Wenn ich Guru sage, gefällt dir das besser? Er hat Macht, es gibt dort eine Menge Leute, die auf ihn hören.«
»Hören sie. Einfach hier reinspazieren und ein Ferngespräch nach Übersee zu verlangen …, was glauben sie wohl, wo wir hier sind?« Der Leiter der Postfiliale ist unerbittlich.
»Seien sie froh, wenn ich diesen Vorfall nicht melde. Ihr Schreiberlinge denkt wohl, ihr könnt euch alles erlauben. Abmarsch, Genosse Contoman.« Ich schaue verstohlen zu Antoaneta und bemerke die Zornesfalten auf ihrer Stirn. Ist das der Kreis, der sich schließt, weil ich den Pfarrer sterben ließ?
Warum scheint so oft die Sonne, wenn man sich beschissen fühlt? Wir gehen Hand in Hand nach Hause und schließen uns ein. Später, auf dem mit Kissen übersäten Sofa, vor dem Fernseher, halte ich noch immer ihre Hand. Auf dem kleinen Bildschirm schwebt ein Fallschirm, an dem die zurückgekehrte Raumkapsel sich dem Pazifischen Ozean nähert. Im Hintergrund ist der Himmel von einsamen Kumuluswolken durchzogen, an der Linie des Horizonts erkennt man einen Flugzeugträger, der aus der Ferne wie ein Spielzeug wirkt. Der rumänische Sprecher gibt sein Bestes, die Kamera wackelt, der Zylinder der Kapsel ist von Menschen umlagert, die wie bunte Affen an ihr herumklettern. Endlich öffnet sich die Schleuse und ein winkender Arm erscheint. Ich trinke mein Glas leer und schenke uns nach. Neil Armstrong ist im Rettungsboot, ein weiterer unförmiger Raumanzug erscheint in der Luke. Die Übertragung flackert kurz, ein neues Bild erscheint, diesmal näher und frontal der Luke. Die leichten Wellen spiegeln das Licht und das Innere der Kapsel ist gut zu erkennen. Dann ein gedehntes Stöhnen des Kommentators, der das Gleiche sieht wie ich. Ein unförmiger Hagel aus dunklen Brocken fällt von der inneren Decke, entfaltet sich zu einem Schwarm aus Flügeln, zwischen denen die Körper von fledermausartigen Wesen mit bleichen Gesichtern deutlich zu erkennen sind. Ich kann meinen Blick nicht abwenden von den in alle Richtungen ausschwärmenden Kopien der seltsamen Abbildungen, über die wir in der Höhle bei fahlem Licht geschritten sind. Eines der Wesen krabbelt die Außenhülle der Raumkapsel empor, blickt mit bösartigen, rot schimmernden Augen direkt in die Kamera. Es verkrümmt sich, als setze es zu einem Sprung an und schießt auf die Kamera zu. Noch im Flug verändert es seine Gestalt. Es wächst, in einer morbiden Metamorphose, zu einer menschenähnlichen Gestalt und ein gutturaler Schrei dringt aus dem Fernseher an mein Ohr. Das Kamerabild beginnt zu zucken, rote Schwaden ausströmender Flüssigkeit spritzen durch den blauen Hintergrund der Szene. Die Kamera kippt weg, für eine Sekunde erscheint eine Fratze mit aufgerissenem Maul, ich sehe ein unmenschliches Gebiss, ein Grinsen, das an einen boshaften Clown erinnert. Aus dem einzelnen Schrei wird ein morbider Gesang unzähliger sich überschlagender Stimmen. Neben mir presst Antoaneta die Hände gegen die Ohren. Ihr Gesicht ist vor Entsetzen verzerrt. Mein Körper ist nur noch eine bleierne Hülle, in der etwas wächst und schlägt, als versuche dieser Körper, sein dickflüssiges Blut mit Gewalt nach außen zu drücken.
Die Kamera fällt dem Wasser entgegen und das Bild erlischt zu einem grauen Schneesturm. Es dauert vielleicht nur Sekunden, bis auf dem Schirm eine Meldung erscheint.
Technische Störung. Wir entschuldigen die Unterbrechung.
Unser Schreien hält an, verkommt zu einem Wimmern. Dann bleibt nur noch ein einzelner Ton. Ich schalte den Fernseher aus, und auch er verklingt. Für einen Moment höre ich nur das Blut in meinen Ohren rauschen. Durch die offenen Fenster dringt ein fernes Flattern, so leise, dass ich nicht weiß, ob es draußen ist oder nur in meinem Kopf. Die Worte der Prophezeiung drängen wie Hammerschläge in mein Gehirn:
Es ist vorbei. Wir haben die Brut verjagt. Dorthin zu gehen, wo sie herkamen, von einem Stern am Himmel oder aus einer bleichen Sichel, die nachts die Felder erleuchtet. Der Mond ist verflucht und lass es so bleiben.
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