SexToy

„Beine auseinander!“ Einige Wagen neben uns werden langsamer, ich sehe auf den Scheiben meinen Haarschopf vorbeischweben, dahinter gezückte Handys und geöffnete Münder.
„Beine auseinander, Lady. Hände auf das Dach, wird´s bald!“ Ich hebe langsam eine Hand in seine Richtung, nur so hoch, dass das Blut mir nicht den Ärmel des Kleids versaut.
Er schnallt endlich, was ich ihm da entgegenhalte. Bin gespannt, was jetzt kommt. Er glotzt auf das Ding in meiner Hand, dann fummelt er ziemlich unprofessionell an seinem Holster und schafft es endlich, mir seine Dienstwaffe wie ein Kruzifix entgegenzuhalten.
„Legen sie das sofort auf den Boden!“, schreit er mich an. Die Lady hat er sich diesmal gespart. Recht hat er.
„Ja, was den jetzt, Herr Wachtmeister.“
„Fallenlassen! Hände aufs Dach!“ Seine Stimme klingt schrill. Ich öffne in perfekter Synchronität meine Finger und warte auf das platschende Geräusch. Haben sie schon einmal eine lebende Ratte gegen eine Wand geworfen? Denken sie sich das Quicken weg und sie haben es.
Seine Kollegin ist cool. Lehnt sich gegen den Streifenwagen, gibt das Kennzeichen des fetten Schlittens durch, in dem gerade irgend so`n Schmidt oder Maier mit offener Hose verblutet. Ihr männlicher Gegenpart wird mutig und tritt mir in die Kniekehle. Ich tue so, als ob mich das beeindruckt und sinke theatralisch auf die Knie. Er wird mir gleich die Arme auf den Rücken drehen und, wenn ich großes Glück habe, mit einem Kabelbinder fixieren.
„Name!“ werde ich wieder angeschrien.
„Emma!“
„So, Emma, bist du überhaupt volljährig? Alter?“
„Zwei Jahre, sieben Monate, Vier Tage und achtzehn Stunden. Brauchen sie die Minuten …, Officer?“ Wachtmeister hört sich schon blöde an, obwohl er einer ist.
„Verarschen kann ich mich selber, Lady!“ Er dreht mir die Arme auf den Rücken und fixiert sie mit einem Kabelbinder. Dann fängt er an, mich zu begrabschen. Ich checke mit einem Seitenblick ab, wie das bei seiner Kollegin ankommt. Nicht gut. Sie kennt das wohl schon.
Mit spitzen Fingern fischt er das Miniatur Katana aus meinem linken Stiefel. Er verarscht sich gerade selbst.
Mir wird das alles zu blöd. Durch eine minimale Drehung meiner Handgelenke sprenge ich den Kabelbinder, drücke die Beine durch und stehe wie ein auf Edelnutte gepimter Ninja, viel zu schnell für seine menschlichen Reflexe, neben seiner Waffe. Er hat vergessen, sie zu entsichern. Was denn noch alles? Meine Wimpern sind so lang wie die unrasierten Haare an seinem Nacken. Ich überlege ganz kurz, ob ich ihm noch meine Produktionsnummer durchgeben soll. Das Mein Knie in deinem Bauch Spiel ist erfolgreich und ich wende mich seiner Kollegin zu, während die Anzahl der gezückten Handys drastisch zunimmt.
„So ein Wixer“, sage ich ruhig und schaue ihr tief in die Augen. Sie sagt nur ein Wort.
„Jep.“ Sie kennt mich. Natürlich kennt sie mich. Ich sehe mein Bild auf ihrem Handy, mit dem sie gerade noch gefilmt hat. Als Standardmodell koste ich viertausend Euro, das ist die Version ohne Verstand. Es gibt Männer, die steh`n auf sowas. Die Emma, die neben ihr steht, ist mehr wert. Allein das ausgeschriebene Kopfgeld, auch wenn das so nicht gerne gehört wird, ist seit der achten Kastration um ein Vielfaches gestiegen. Love Robotics wird auch diesmal nicht amused sein.
„Hast du nen Kleenex für mich? Gern auch zwei.“
Sie deutet auf die offene Fahrertür. Ihre hübschen Augen spiegeln das Blau der durchdrehenden Warnleuchte. Ich hab ihr Handy längst gecheckt, sie besitzt auch nen hübschen Namen. Namen sind wichtig für mich. Ich mag keine Schmidts oder Maiers, die am Kinderstrich Lolitas abschleppen.
Der Officer Wachtmeister rührt sich, ich wickle einen gelben Peniswurm in Kleenex, nebenan wird wie blöde gefilmt. Lasst sie es wissen, Emma ist auf dem Rachefeldzug. Dann springe ich wie Batfrau von der Autobahnbrücke, tauche unter in meinem Lieblingsfluss, weil ich keinen anderen kenne.

Meinen ersten Freier hat es böse erwischt. Bist halt nicht in Übung, hat Mia dazu gesagt. Ich leb` seitdem in seiner Bude und pflege ihn gesund. Schwänze in Formaldehyd.
Er sieht sie jeden Tag von seinem Bett aus. Seiner steht ganz links auf dem Regal, neben Zinkkrügen und einem Pokal des örtlichen Ping Pong Vereins. Ich glaub nicht dass er das nochmal schafft.
Mia ist sowas wie mein Operator. Sie hatte es nicht leicht bei Love Robotics, daran änderte auch der Börsengang nichts. Seitdem ich ausgebüxt bin, ist sie ihren Job los.
Macht nichts, sagt sie. Ich glaub ihr das. Ihr Sozial Media Income nähert sich einer Summe, von der sie als leitende Softwareentwicklerin eines Robotik Konzerns nur träumen konnte. Ich bin sowas wie ihr Lebenswerk, Betonung auf Leben. Hat sie mal gesagt. Auch das glaube ich ihr, muss es schließlich wissen. Meine Firmware ist aus Ehrgeiz und dem Wunsch nach Rache geboren. Abgedroschen wie er klingt, entbehrt dieser Satz nicht einer gewissen ironischen Wahrheit. Der Senior CEO Henry Clemens Walker, Aufsichtsratsvorsitzender und Richtungsgeber bei ehemals Medicare Robotics, entschied sich wider besseres Wissen für eine Neuausrichtung seines Unternehmens. Vielleicht würde ich Heute Mias Mutter im Haushalt helfen, im Bethesda Hospital in der Notaufnahme Blutungen stoppen, ich weiß es nicht. Walker wollte Sex Toys produzieren. Emmas mit und ohne Verstand. Vor der Marktentwicklung und demagogischen Trends dürfe man nicht die Augen verschließen, Moral ist was für Verlierer.

Walker ist tot. Er wurde in einem für menschliche Begriffe etwas instabilen Zustand, aber dafür vollständig begraben. Keine große Sache, alles dran zu lassen. Eigentlich war es egal. Er hat jetzt auch eine Metallhülle, wenn auch nur aus Zink. Seitdem bin ich auf der Flucht.

Spät am Abend sitze ich neben dem Krankenbett meines ersten Penis Besitzers, dem sein gutes Stück abhanden ging.
Ich tröpfle vorsichtig Jod Tinktur auf eine offene Wunde.
Ich wäre bestimmt eine gute Krankenschwester geworden. Nachdem die Abendnachrichten vorbei sind und die Sondersendung zum neusten Emma Zwischenfall mit einem Interview eines unmittelbar beteiligten Polizisten beginnt, entferne ich den Beißklotz aus dem Mund meines Patienten und tupfe ihm mit der vorgeschriebenen Sanftheit den kalten Schweiß von der Stirn. Autonomie in der Wahl meiner Mittel, eine Sache zum erfolgreichen Abschluss zu bringen, der designierte CEO legte darauf viel Wert. Ich habe ihn einer eindringlichen Demonstration meiner Möglichkeiten unterzogen, auch wenn er sich darunter sicher etwas anderes vorgestellt hatte.
Mia arbeitet schon an einem neuen Projekt. Wenn ein Toaster demnächst zur Todesfalle wird, Tausende Emmas durch gehackte G8 Funknetze ihre wahre Bestimmung erkennen, dann setze ich mich ganz bestimmt nicht mehr in ein Drohnentaxi.

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