Egod Anadi

Egod Anadi, erster Gärtner des Dogenpalasts und seit dem tragischen Hinscheiden des alten Dogen auch leitender Symbiontenpfleger, öffnete mit einer winzigen Geste seines Zeigefingers die Pforte zur Hölle. Der Zugang weitete sich mit einem knisternden Geräusch, das Egod an das Prasseln feuchter Brocken Uladholzes erinnerte, wenn diese in die heiligen Feuer geworfen wurden. Er dachte wehmütig an den flackernden Lichtschein, den diese mächtigen Scheiterhaufen auf die Gesichter der Palastgäste geworfen hatten, während vor ihnen das jährliche Opfer brannte. Es war eine gute Zeit gewesen. Die Gärten waren reich an heranwachsenden Symbionten gewesen, die Monde standen seit Langem in der Konstellation, die das Wachstum und damit den Wohlstand ermöglichte. Jeder hatte gewusst, dass dies nicht ewig dauern würde. Wer es vergaß und allzu hoffnungsvoll von Ewigkeit sprach, wurde an das Studium der alten Überlieferungen erinnert. Egod war ein Gärtner, er trug das Wissen über die Vergänglichkeit wie eine Last mit sich herum, und selbst beim Anblick einer keimenden Schote sah er ihr unumgängliches Verdorren in aller Klarheit vor sich.
Zwischen den weit geöffneten Flügeln der Pforte erschien die Illusion des Hades. Egod entledigte sich seiner äußeren Kleidung und betrat den Garten. Wieder einmal wunderte er sich darüber, dass sein Vorgänger einen Schutzzauber über den Garten gelegt hatte, doch der Stolz über die offensichtliche Wichtigkeit dieses Ortes schmeichelte ihm.
Eine zerbrechlich wirkende Brücke aus geflochtenen Lianen des Medad-Baumes spannte sich zwei Steinwürfe weit in eine apokalyptische Landschaft hinein. Der verstorbene Symbiontenpfleger hatte gute Arbeit geleistet. Egod murmelte den Auflösungszauber, warf mit einer schnellen Handbewegung ein wenig Goanopulver in die Tiefe und ließ hinter sich die Pforte zuwachsen. Die Illusion der Brücke löste sich auf, die aufsteigenden Glutschwaden verwandelten sich in die aufstrebenden Äste mächtiger Pflanzenwesen, die ihn mit sanften Bewegungen begrüßten. Egods Sinne registrierten eine ungewohnte Trockenheit in der Luft und er öffnete die Regenspender. Ein wenig feuchte Abkühlung würde ihm guttun, seinen Schützlingen zu neuem Wachstum verhelfen und die Symbionten im hinteren Teil des weitläufigen Gartens über seine Anwesenheit informieren.
Der Dogenprinz hatte um Liebesblumen gebeten, deren Duft die Sinne jeder Frau betörte, wenn sie zur richtigen Blütezeit geerntet wurden. Egod hatte dafür kein Verständnis, kannte zwar die magischen Eigenheiten der unzähligen Pflanzen, die sich gerne in den Schatten der mächtigen Bäume versteckten, doch bevorzugte im Liebeswerben den direkten Weg der Leidenschaft und schmerzlichen Abweisung. Und überhaupt, er war seit vielen Mondphasen mit Inaros befreundet, einer Liebschaft nicht unähnlich und doch auf eine natürliche Art. Inaros mochte in manchen Dingen unerfahren sein, jugendlicher Naivität und dem unerschütterlichen Glauben an Beständigkeit noch nicht entwachsen, doch er war ein ehrlicher Mensch und von harmonischem Wuchs. Der Gedanke an dessen wohlgeformten, schlanken Körper brachte die Aufmerksamkeit des ersten Dogengärtners wieder auf seine eigentliche Aufgabe zurück. Die Liebesblumen waren zarte Geschöpfe, deren gewundene Stängel, von fingerbreiten Blättern gesäumt, an ihrem oberen Ende eine einzelne Blüte trugen. Sie waren scheu, empfindlich, geradezu eingebildet in ihrem Wesen, als ahnten sie von ihrer Bedeutung für liebestolle Prinzen.
Egod sprach das Erntegebet und reinigte sorgfältig die Hände in einem winzigen Bachlauf, der sich unter den filigranen Luftwurzeln eines nahen Feigenbaums hindurchschlängelte. Noch während er das kleine Erntemesser aus der Seitentasche seines Unterzeugs nestelte, spürte er eine leichte Erschütterung unter seinen Füßen. Ein Regen aus Blättern sank auf ihn herab und einige Yohimbinbüschel zogen sich erschrocken in den Boden zurück. Der Gärtner schmunzelte, legte sich auf eine freie Grasfläche und betrachtete versonnen die Illusionsfläche des Himmels, der sich unterhalb der Schutzkuppel als ein gewöhnlicher Sommertag darstellte. Wie so oft würde es dabei bleiben, ein harmloses Zucken der von ungünstigen Mondkonstellationen gepeinigten Erdkruste. Die Astronomen in den Diensten des obersten Bewahrers gehörten zu den fähigsten des hiesigen Kontinents, kundige Gelehrte, die eine lange Periode der Mondharmonie verkündet hatten.
Durch die weiche Erdkrume unter seinem Leib schlug es heftig gegen seine Glieder, ein langgezogenes Heulen drang aus weiter Ferne durch die Stille und der feine Regen verwandelte sich in einen Hagel aus Splittern. Sein Lächeln fror ein, wurde zu einem Spiegel, der den gebogenen Riss in der gläsernen Kuppel hoch am Himmel wiedergab. Durch den Spalt erblickten seine aufgerissenen Augen den Nachthimmel, während aus seiner Stirn und den Armen aus feinen Wunden Blut hervorquoll und sich mit dem kalten Schweißfilm auf seiner Haut vermischte. Der dritte Mond ist erschienen …, dachte er, als ob er es beschwören wollte, ganz so, als würde sein Gestammel die endgültige Bestätigung sein, dass die heile Welt und sein Garten erneut ins Chaos versanken. Er hatte all dies schon einmal durchgemacht und war damals nur knapp der aufbrechenden Erdkruste und den einstürzenden Türmen entkommen. Nun würde es von Neuem beginnen, die aus dem Gleichgewicht geratene Erdkugel sollte endgültig sein Grab werden, sein Wissen würde zu Staub verfallen. Er spürte keine Angst vor dem Tod, denn wenn er schon sterben müsste, war dieser Garten ideal dafür, ging ihm durch den Kopf.
Während er so dachte, neigten sich die hohen Mauern des Gartens und wurden von der bebenden Erde wie Espen gefällt. Ein Sprössling kroch heran, berührte seinen nackten Knöchel, schmiegte sich wie eine Schlange um sein Bein, übertrug seine Magie auf Egods Aura und verfiel zu einem kümmerlichen Haufen Staub. Der Garten hatte mehr Schneid als Egod Anadi. Der große Egod Anadi, an dem jede Magie verschwendet war, höhnte seine innere Stimme.
Er kämpfte seine Trostlosigkeit und Verzweiflung nieder, warf einen halbherzigen Schutzzauber in die Luft und sprang auf die Füße, nur um erneut von einem heftigen Erdstoß von den Beinen gerissen zu werden.
»Adet con Badar! Adet con Badar!«, schrie er aus voller Kehle.
Seine innere Konditionierung erwachte aus ihrem Schlaf, füllte seine Sinne mit dem nun Notwendigen und verdrängte den Wunsch, sich seinem Schicksal zu ergeben. Sein Symbiont fing den Ruf auf und wälzte sich zwischen umstürzenden Bäumen, flüchtenden Kokasträuchern und herabprasselnden Glassplittern hindurch auf ihn zu, ergriff seinen hilflos kauernden Körper und umschloss ihn mit seinen schützenden Ranken.
Über ihnen prangte das Dreigestirn der bleichen Monde, die sich in unheilvoller Symmetrie zu einem Trio der Verderbnis verbündet hatten. Der Gärtner erwachte endgültig aus seiner Lethargie, schrie einen weiteren Befehl, sammelte die Reste seiner magischen Energie und öffnete diesmal von innen das Tor des Gartens. Für einen winzigen Augenblick überkam ihn die törichte Erinnerung an seine Pflicht, die Illusion der Hölle wieder über den Garten zu legen. Sein trockener Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen. Schon im Sprung begriffen zog der Symbiont Egods Mantel mit einem peitschenden Ast vom Boden auf.
Der geschwungene Trampelpfad zurück ins Tal bot einen absurden Anblick. Vormals einer endlosen Schlange ähnlich, braun gemustert, elegant zwischen sanften Hügeln eingebettet, glich er nun einem Schlachtfeld. Ein Riese hatte mit seiner Axt mächtige Erdspalten darübergelegt, aus denen stinkender Qualm emporstieg. Alles war in unheilvoller Bewegung. Verschreckte Rudel matt schimmernder Einhörner stoben mit geweiteten Augen an dem Symbionten vorbei, der Egod in trügerischer Sicherheit umschloss. Ihre Mähnen und das fingerbreite Fell zeigten die Färbung panischer Angst, gaben ihnen ein unheimliches Aussehen, ihr schrilles Wiehern hallte wie verstimmte Trompeten. Sah so der Weltuntergang aus, war das der finale Fanfarenstoß der Apokalypse? Die Astronomen des obersten Bewahrers hatten versagt. Wie konnte das geschehen? Hatten sie nicht ihr Leben der Vorhersage gewidmet, kannten sie nicht den Lauf der Gestirne besser als die Nöte ihrer eigenen Kinder?
Der Baumsymbiont machte einen mächtigen Satz, eine umstürzende Eiche schlug krachend und mit berstenden Ästen neben ihm ein. Als wäre dies der Startschuss zu einem Lauf auf Leben und Tod, begann der Symbiont auf seinen Wurzeln dem Tal entgegenzueilen, sprang über Erdspalten, schlug Haken und wehrte mit seinen Ästen umherfliegende Erdbrocken ab. Egod stieß Flüche aus, entschuldigte sich sogleich, stammelte Psalmen aus dem Kanon der Bewahrer als Wiedergutmachung. Er war hilflos. Der Symbiont dagegen folgte einem inneren Instinkt. Es waren erdverbundene Wesen, eins mit dem Untergrund, dessen Beschaffenheit sie auf wunderliche Weise kannten. Er eilte der Tiefebene entgegen, aus der die schlanken Türme des Palastes wie silberne Säulen in den Himmel ragten.
Die Tiefebene! Eine kaum schwankende Insel inmitten zerbrechender Erdkruste. Dort waren sie sicher, würden nicht vom wütenden Erdboden verschluckt werden. Der Palast war dort nach der letzten ungünstigen Mondkonstellation errichtet worden. Alles hatte in Schutt und Asche gelegen, nur die alte Kirche mit ihren grob gemauerten Türmen stand damals noch einsam und unversehrt. In ihrem Inneren hingen noch die gerahmten Abbildungen der Naturgötter an den Wänden, neben unbeschädigten Glasmosaiken hoher Fenster. Die wenigen Überlebenden übertrafen sich mit Beteuerungen, dass nicht einmal die Glocken in den Türmen erklungen waren. Die Kirche stand noch heute wie ein Mahnmal in der Mitte des Palasthofes, umgeben und überragt von den marmornen Mauern.
Egod blinzelte durch das dichte Geäst, das ihn wie ein Kokon umgab. Das Haupttor des Palastes stand weit offen. Er erkannte rennende Gestalten, auf den Boden gesunkene Palastwachen, denen jeder Mut aus dem Körper gewichen war und die um ihr Überleben flehten. Die Götter konnten ihnen nicht helfen, doch sie hatten es gut getroffen, an diesem Ort ihr Leben zu fristen.
Ein mächtiger Erdstoß ließ den zum Leben erweckten Baum heftig schwanken. Seine Wurzeln wuchsen wie hervorströmendes Wasser in alle Richtungen, gaben ihm Halt. Er zog sich an ihnen voran und stieß sich gleichzeitig mit anderen dicken Wurzeln seinem Ziel entgegen. Sie erreichten die Tiefebene. Jetzt nur noch an den Feldern vorbei, deren Ähren im Takt der nun schwächer werdenden Erdstöße tanzten.
Der Symbiont bremste seinen Lauf ab. Er hob einige Äste in die Luft, schnupperte in den Himmel. Etwas lag in dieser Luft, das seine Aufmerksamkeit erregte. Langsam drehte er sich um, als wolle er zeigen, dass er ein Vorne und Hinten besaß, dabei war er nur ein Baum, der in seiner Krone den obersten Gärtner des Prinzen umschloss.
»Was machst du!«, rief Egod und presste die Hände gegen das Geäst.
Der Symbiont antwortete nicht. Er sprang in weiten Schritten an den Rand der Felder, dort, wo das erste Gebüsch begann und im Sommer die Vögel nisteten. Eine Senke war erschienen, wo vorher eine Gruppe junger Bäume aus den Sträuchern aufragte. Bläulicher Schimmer lag in der Luft, kaum erkennbar in dem aufgewirbelten Staub. Egod spürte es nun auch. Eine magische Blase war aus dem Boden emporgestiegen. Sie schien noch verbunden mit dem tief im Erdinneren schlummernden magischen Geflecht. Bald würde sie sich lösen, emporsteigen und für immer verloren sein.
Ohne Vorwarnung öffnete der Symbiont seinen schützenden Käfig und einige hervorwachsende Äste packten Egod unter den Schultern. Mit der unter diesen Umständen gegebenen Vorsicht hoben sie ihn in die Magieverdichtung. Ein Glücksgefühl überkam den Gärtner, und seine faltige Haut glättete sich unter seiner Kleidung und hinterließ ein kribbelndes Gefühl. Pure Magie umfloss ihn, drang durch die Poren seiner Haut in ihn ein und füllte seine verbrauchten Energiespeicher auf. Nicht nur das. Etwas floss darüber hinaus, zu viel für einen alten Gärtner, zu viel für einen Körper, dem seit Jahren nur noch klägliche Reste eigen waren. Was für ein seltener Glücksfall! Er sprach die Worte des überschwänglichen Danks, schmückte sie mit einigen maßvollen Übertreibungen aus und strampelte vergnügt mit den Beinen. Dann besann er sich. Was war er für ein Narr. Um ihn herum zerbarst die Welt und er frönte seinen Befindlichkeiten. Er sollte sich schämen.
»Adet con Badar«, flüsterte er abermals, diesmal mit Tränen in den Augen.
Der Symbiont verstand und hob ihn zurück in seine Baumkrone. Die Erdstöße waren verklungen, doch Egod wusste aus den Überlieferungen und seinen eigenen spärlichen Erfahrungen, dass dies von kurzer Dauer war. Er musste nach dem Prinzen sehen. Die Liebesblumen fielen ihm ein, um die der Prinz gebeten hatte. Waren sie von ihm geerntet worden? Er wusste es nicht mehr. Fieberhaft begann er die Taschen seines weiten Mantels zu durchwühlen. Das kleine Erntemesser schnitt ihm in den Finger, ein Heilkraut bemerkte dies und begann auf den Schnitt hinaufzukriechen. In einer inneren Brusttasche fand er die Blüten der Liebesblumen, fein säuberlich von ihren Stängeln getrennt. Sie waren zerdrückt, schon eingetrocknet, ganz so, wie Egod sich in diesem Moment fühlte.

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Der junge Dogenprinz stand umringt von seinen engsten Vertrauten im Labor des zweiten Mechanikers. Genau genommen war dieser nun zum Leiter der Mechanik avanciert, hatte doch sein Vorgesetzter sich den Plänen des Prinzen widersetzt. Sein Schicksal war damit besiegelt gewesen, doch seine Ehre hatte keinen Schaden genommen. Die Überreste seines Körpers waren längst der Natur überlassen worden und in den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zurückgekehrt.
Der neue oberste Mechaniker machte einen nervösen Eindruck. Skeptisch betrachtete er die verschnörkelte Maschine, die er insgeheim verfluchte. Hinter seinem Rücken hörte er die ungeduldige Stimme des Prinzen:
»Sie wird doch funktionieren? Uns läuft die Zeit davon! Dass diese unfähigen Astronomen sich auch um einen glatten Tag verrechnen …, ich sollte sie alle dem Kompost zuführen.«
Der Mechaniker schluckte den Kloß in seiner Kehle hinunter, holte einen tiefen Atemzug und drehte sich um. Der Prinz war dem alten Dogen wie aus dem Gesicht geschnitten, nur dass er als vorläufiger Herr des Palasts viel zu jung und unbeherrscht war. Der alte Doge hätte niemals solch aberwitzige Pläne verfolgt. Hochverrat am Volk, das war es, was hier vor sich ging. Und er war bis über beide Ohren in diesen Schlamassel verstrickt. Seit Monaten arbeiteten seine untergebenen Mechaniker und die fähigsten Gärtner an diesem angeblichen Wunderwerk. Ein Portal, das die tief im Erdreich verborgenen Magieströme wie Reiserouten benutzte, auf denen einige wenige Auserwählte aus dieser instabilen Dimension flüchten konnten.
»Mein Prinz, bei dem Grün der Bäume, es fehlt eine wichtige Komponente, wir besprachen es bereits. Habt Ihr nicht den obersten Gärtner höchstpersönlich danach geschickt?«, wagte der Mechaniker zu erwidern.
»Wollt Ihr frech werden, in diesem Ton mit mir zu sprechen? Wollt Ihr dem Schicksal Eures Meisters folgen?«
Der Prinz warf einen schnellen Blick auf seine beiden Leibwächter, die mit versteinerten Gesichtern neben ihm standen. Die kurzen Schwerter an ihren Gürteln funkelten bedrohlich mit ihren Augen um die Wette. Es waren Mischwesen, deren menschliche Züge mit Rinde überzogen waren und deren Haare an feine Lianen erinnerten. Sie waren seine Marionetten, willige Werkzeuge mit dem Verstand einer Eberesche.
»Mei … mein Prinz, nichts liegt mir ferner«, begann der Mechaniker zu brabbeln.
Wenn er doch nur auf seinen Meister gehört hätte. Sterben würde er so oder so, dessen war er sich sicher. Diese absonderliche Maschine, ein kleiner Hohlraum von vielleicht drei Metern, umgeben von gläsernen Röhren und frisch gezogenen Trieben seltsamer Pflanzen, die selbst der oberste Gärtner mit Abscheu betrachtet hatte. Dann diese brummenden Geräte an den Wänden, mit flackernden Lämpchen und pumpenden Kolben. Welcher Dämon hatte von dem Prinzen Besitz ergriffen und ihm diesen Bauplan in den Kopf gesetzt?
Wusste der Obergärtner Egod Anadi überhaupt, dass von diesen albernen Liebesblumen der Erfolg der ganzen Angelegenheit abhing? Dass ihr aller Leben davon abhing? Verfolgte dieser Kauz womöglich seine eigenen Pläne, indem er diese fehlende Komponente angeblich viel zu spät bemerkt oder gemeldet hatte?
Was der Mechaniker, ob er nun zweite Wahl war oder bereits der Oberste, nicht im Geringsten ahnte: Egod war nicht eingeweiht. Zu viel hing von seinem Wohlwollen ab, davon, dass er pflichtbewusst seine Arbeit tat und von keinen Skrupeln beeinflusst wurde. Was für den Dogenprinzen von ungemeiner Wichtigkeit war, schien für Egod nur eine weitere Laune des Dogensohns zu sein. Liebesblumen. Natürlich. Keine letzte Zutat für eine verbotene Maschine, sondern ein duftendes Geschenk für irgendeine Hofdame. Genau diesen Vorwand hatte man ihm gegeben.
Um den Prinzen zu beruhigen, begann der Mechaniker, einige unbedeutende Parameter der Maschine von zitternden Skalen abzulesen und in verständliche Worte zu übersetzen.
»Der Magielevel nähert sich dem erforderlichen Stand. Ein wenig mehr Erdbewegung und es sollte reichen. Das Wachstum der Koherenzgrünlinge ist abgeschlossen. Oh, ja …, das sieht alles sehr gut aus. Wenn jetzt noch die allerletzte Zutat …«
Er verstummte, als er seinen Fehler bemerkte. Der Prinz begann wieder zu toben.
»Ich werde ihn kompostieren, ja, ganz sicher werde ich das! Wie geht mir das alles auf die Nerven. Ich – will – endlich – hier – weg!«, erklang seine schrille Stimme.

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In genau diesem Moment öffnete sich die Tür zum Labor und Egod hetzte hinein. Sein Haar hing ihm wirr in die Stirn und, was für ihn ungewöhnlich war, ihn umgab ein bläuliches Licht. Sein linker Schuh fehlte und die goldene Brille hing ihm schief auf der Nase. Er hatte die Hände tief in seinem Mantel vergraben. Er sah trotz allem jünger aus als noch am Morgen, als er übereilt in Richtung des heiligen Gartens aufgebrochen war.
»Mein Prinz, Ihr seid wohlauf!«, rief er erleichtert aus.
Das höfliche Lächeln erstarb auf seinen Lippen, als er die grimmig dreinblickenden Anwesenden in aller Deutlichkeit betrachtete. Sein bis an den Rand und darüber hinaus gefüllter Magievorrat drang in seine Wahrnehmung. Mit brachialer Macht erkannte er die Wahrheit, jedes verlogene Geheimnis, das der Prinz, der Mechaniker und sein verlegen dreinschauender Assistent vor ihm verbargen. Er begriff die Funktion der Maschine, erkannte die Magieströme, deren Leylinien durch die bebende Erde zu dieser Tiefebene umgeleitet wurden. Liebesblumen. Kein Geschenk. Kein Spiel des Prinzen. Die letzte Zutat.
Die Macht in ihm schwoll an, als hätte die Magieblase nicht nur seine Speicher gefüllt, sondern etwas in ihm geöffnet, das besser verschlossen geblieben wäre. Egod dachte an den Prinzen, an die Wachen, an die Mechaniker, an die Felder draußen. Dann dachte er an den kleinen Sprössling, der für ihn zu Staub zerfallen war. Und zum ersten Mal an diesem Tag dachte er nicht an seine Pflicht.
Ohne Zögern hielt er die Zeit an.
Der ferne Lärm, der durch die offene Tür zu ihm drang, verwandelte sich in ein Flüstern. Der Prinz stand mit geöffnetem Mund bewegungslos vor ihm, einen Arm pathetisch auf die schlummernde Maschine gerichtet. Der Gärtner zog eine Hand hervor, darin die kümmerlichen Reste der Blüten einer Liebesblume. Es gab an der dritten Maschine von links, direkt an der Wand neben der Tür, eine Ansammlung von zierlichen Behältern. Wie zufällig war es der dritte von links, der keinen Inhalt besaß.
Egod Anadi löste seine noch im Mantel versteckte Hand von dem in erster Panik ergriffenen Erntemesser und öffnete den Verschluss des leeren Behälters. Ein zischendes Geräusch erklang, als würde angestaute Luft entweichen, doch Egod hatte nur erleichtert ausgeatmet. Er kräuselte die Blütenblätter in den Behälter, verschloss diesen und betrat den Hohlraum inmitten der absonderlichen Maschine. Dort stand er minutenlang, wagte weder zu atmen noch sich zu rühren. Der bläuliche Schimmer seiner Erscheinung verstärkte sich, pulsierte im Takt der verrinnenden Sekunden.
Weiter geschah nichts. Es pulsierte, er atmete ein und aus, betrachtete die goldenen Ringe an der Hand des erstarrten Prinzen. Dann begriff er endlich. Die Zeit stand immer noch still, das Universum mit seinen verschiedenen Dimensionen betrachtete ihn sicher verwundert und wartete geduldig auf einen Wink seiner magieerfüllten Hand.
Egod Anadi winkte.
Der Arm des Prinzen nahm seinen Weg wieder auf, aus seinem Mund erklang der Rest eines unterbrochenen Satzes. Der Mechaniker biss sich auf die Zunge, sah die verblassenden Konturen des obersten Gärtners, der ihm freundlich zuwinkte.

Der Palast verschwand vor Egods Augen. Er spürte die zerdrückten Blüten an seinen Fingern kleben und dachte an den kleinen Sprössling, der mutiger gewesen war als er.

Dann fiel er.

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