Stumm

»Philias Lexington. Professor für moderne Literatur an dem Schandfleck dort oben.« Ich zeige durch die Panoramascheibe des Cafés auf die Gebäude der Universität.
Sie blickt von ihrem Buch auf.
Ich beobachte ihre Brauen.
In Gesichtern zu lesen, fällt mir leicht. Meistens liege ich richtig.
Tatsächlich geht die Bewegung ihrer Brauen in ihrem neugierigen Gesicht unter. Sie lächelt.
Ich könnte noch mehr über mich preisgeben. Geschieden. Zwei halbwüchsige Söhne, die gerade ihren eigenen Weg entdecken. Vielleicht später.
Sie hat einen Platz am Fenster gewählt. Auf einer der abgelegen Bänke.
Ihr Buch kenne ich. Sie legt es auf den Tisch. Ich zeige darauf und sage etwas wie:
»Ein wichtiges Buch.«
Ich stehe vor ihr, meinen Kaffee in der einen Hand, in der anderen den dünnen Mantel.
Bereit, an ihren Tisch zu wechseln.
Auch ihre Augen lächeln. In ihrem Blick liegt nichts Abschätzendes, nichts Bewertendes.

Neben ihr liegt eine Handtasche auf der Bank.
Sie holt ein Handy aus der Tasche, einen Stift und einen Notizblock. Während sie mit Rechts in ihr Handy tippt, beginnt ihre Linke zu schreiben.
»Sie müssen es wissen. Haben sie es gelesen?« Natürlich habe ich es gelesen. Sie lehnt den Oberkörper zurück und betrachtet den leuchtenden Bildschirm.
»Was schauen Sie an auf ihrem Handy?« Ich fühle mich unsicher. Am Nebentisch bemerke ich Blicke. Zwei ähnlich gekleidete ältere Damen starren mich an. Mitleid, Belustigung?
Neugierde.
Sie hält mir ihr Handy entgegen. Ich sehe mein Gesicht auf dem Display. Ich kenne das Bild. Gut erhaltener Mittvierziger. Damals hatte ich noch den Kinnbart. Es ist vom Dozentenverzeichnis der Universität.
Ich rede drauflos. Will mich nicht für die Störung entschuldigen. Nicht umdrehen. Sie hält einen Finger an die Lippen.
Der Finger sinkt herab und zeigt auf den freien Stuhl an ihrem Tisch.
Ich lege meinen Mantel über die Lehne, ziehe den Stuhl vor und setze mich ihr gegenüber. Sie trinkt von ihrer Cola, ich nippe an meinem Kaffee.
»Darf ich Ihnen vorlesen?« Ich tippe auf das Buch.
Noch bevor ihr Blick durch das Café huscht, schüttelt sie den Kopf.
Mir wollen nicht die richtigen Worte einfallen.
„Sie …“ Ich verstumme.
Der Stift ist wieder in ihrer Hand. Eine zarte Hand. Kein Ring. Sie beginnt zu zeichnen. Für einen Moment ist sie wie abwesend, während der Stift über das Papier gleitet.
So hat sie aus dem Fenster geschaut. Minutenlang das Treiben auf dem Gehweg und den gegenüberliegenden Cafes beobachtet.
Ihre Ohrringe. Die für meinen Geschmack zu kurzen Haare. Auf dem weiten T-Shirt die Tourdaten einer mir unbekannten Band. Es ist nicht meine Art, Fremde zu beobachten. Oder doch?
Dass ich nun an ihrem Tisch sitze, fühlt sich richtig an. Ich erkenne etwas an ihr. Eine Traurigkeit, mit der ich längst Freundschaft geschlossen habe.
Sie schiebt ihren Notizblock über den Tisch. Ich erkenne zwei Bäume. Dazwischen eine Bank, darauf, sehr detailliert, hat sie uns beide gezeichnet. Ich habe einen Kinnbart und halte ein Buch in den Händen.
„Der Park ist in der Nähe“, sage ich.
Der Kellner macht seine Runde, wir zahlen getrennt.
Die Bank gibt es, ebenso die beiden Bäume. Wir vervollständigen das Bild und ich lese aus dem Buch. Sie schließt nach einer Weile die Augen.
Aus ihrer Tasche dringt ein Ton. Sie schreibt.
„Muss zurück. Meine Schicht beginnt. Begleiten Sie mich?“
Ich kenne ihren Namen nicht. Frage nicht.
Es ist nur ein kurzer Fußweg. Ein Wohnhaus unter vielen, es wirkt wie eine Arbeitersiedlung. Sie klingelt, schließt dann auf. Es gibt einen Aufzug. Wir nehmen die Treppe.
Auf der ersten Etage ist eine Tür geöffnet. An der Wand hängt ein Dienstplan. Ich erkenne meine Begleiterin auf einem der Fotos.
Sarah. Sozialer Dienst. Spätdienst Mo. Mi. und Samstags.

Ein alter Mann empfängt uns an der Tür. Er nimmt mich in den Arm und redet mich mit Gustav an. Ob ich an die Zigaretten gedacht habe. Sarah stellt ihn als Arthur vor. Arthur hatte einen Sohn, der Gustav hieß und vor vielen Jahren starb.
Ein ungewohnter Duft liegt in der Wohnung. Ich schaue verstohlen an dem alten Mann vorbei in den geräumigen Flur. Aus einer der offenen Türen dringt leise Musik. Die Farbe des Teppichs erinnert mich an das Kleid, dass zurückgelassen in meinem Kleiderschrank hängt. Sarah zieht ihre Schuhe aus.

Im Wohnzimmer lerne ich eine blinde Frau kennen. Sie hat graue Haare und sitzt in einem Rollstuhl. Ich beuge mich zu ihr, ergreife ihre Hand. Sie betastet mein Gesicht. Es fühlt sich an, als würde zerknittertes Papier über meine Wangen streichen. Sarah steht neben mir und lächelt mich an. Dann macht sie Tee. Aus ihrer Tasche zieht sie eine kleine Tüte Chips. Wir sitzen zusammen und ich lese aus dem Buch vor.
Die Frau im Rollstuhl war nicht immer blind. Während ich vorlese, unterbricht sie mich von Zeit zu Zeit. Sie erfindet Farben und Formen. Beschreibt sie eindringlich, bis als kaum erkennbares Zeichen ihr knorriger Finger auf mein Buch zeigt und ich wieder beginne, daraus vorzulesen.
Es dämmert, als es an der Tür klingelt. Sarah bleibt sitzen. Ein Schlüssel dreht im Schloss und ich höre aus dem Flur einen Namen:
»Melanie! Eure Melanie ist da.« Melanie trägt einen blauen Kittel und verteilt Tabletten. Ich mag sie. Sie bleibt neben mir sitzen, bis ich die beiden weißen und die rosa Pille mit einem Schluck Tee hinunterspüle. Arthur klopft mir auf die Schulter. Sarah lächelt.

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